Impressionen des ersten PR-Hackathons

22.02.2017

Ein schräger Trip ins Zentrum der Digitalisierung der Medienbranche.

Wir waren irgendwo in der Nähe von Frankfurt am Rand eines Industriegebietes, als uns klar wurde, worauf wir uns eingelassen hatten. Ich weiß noch, dass ich so was dachte wie: „Mir hebt sich die Schädeldecke; vielleicht sollte ich wieder fahren…“ Es war fast halb sieben am Abend, und etwas weniger als 48 Stunden lagen noch vor uns. Harte Stunden. Aber es gab kein Zurück, keine Zeit, sich auszuruhen. Wir mussten durchhalten bis zum Ende.

fischerAppelt ist als Premiumpartner und Sponsor des Events von newsaktuell dabei und stellt mit dem Standortleiter Philipp Dieterich ein Jurymitglied. Und natürlich entwickeln und hacken wir auch selbst fleißig mit.

Der PR-Hackathon beginnt damit, dass das WLAN nicht funktioniert und eine Google-Mitarbeiterin mit Memes, Tagclouds und Yoga-Fotos erklärt, dass Hackathons cool sind. Diese Sprache verstehen die teilnehmenden Agenturmenschen, und ihre größte Sorge wird damit beseitigt. Hackathons sind nämlich das Spielfeld der Coder und Entwickler. Agenturleute betonen zwar gerne ihre Digitalität, wissen aber von der Tätigkeit ihrer IT-Kollegen etwa so viel wie vom Innenleben einer Mikrowelle. Beidem begegnen sie mit Gleichgültigkeit. Als Nächstes gibt ein mehrfacher Startup-Gründer mit Piratensäbel der Veranstaltung eine kommerzielle Note. Begriffe wie „monetizable Pain“ dürften vielen Zuhörern fremd sein. Aber auch hier helfen Memes als disziplinübergreifendes Esperanto weiter. Gründerstimmung macht sich breit.

Nun schlagen ein paar Mutige Projekte vor. Diese sollen in den nächsten Stunden in gemischten Teams gemeinsam bearbeitet und weitestgehend auch realisiert werden. Bots, Amazons Alexa, intelligente Netzwerke, Datenbanken und Plattformen, Skynet, der Todesstern und noch mehr Bots werden gepitcht. Alles Dinge, die es noch nicht gibt. Großteils entsprechen die Vorschläge dem PR-Thema der Veranstaltung. Ich habe aber bei Weitem nicht alles verstanden (keine Memes…). Das geht aber allen so. Deswegen entsteht im Anschluss ein chaotischer Menschenmarkt, bei dem Information die Währung und Skills die Ware sind. Das kreative Proletariat bemüht sich, die Coder ins Team zu bekommen. Die sind verhältnismäßig rar. Als sich das Chaos lichtet, ist das Team heißer Fleischapfel entstanden. Lavinia Haane von Hotwire PR, Anne Beutel von FleishmanHillard, Fabienne Hackel und Alisa Wissenbach von fischerAppelt, Alexander Agasiev, codender Wirtschaftsinformatik-Student, und ich als gestaltender Abgesandter von Ligalux, der fischerAppelt-Designunit. Also fünf Agenturfuzzies gegen einen Entwickler. Wie lange können wir durchhalten? Wie lange, bis einer von uns beginnt den Jungen vollzuquasseln?

Wir berauschen uns mit Koffein aus einem unerschöpflichen Berg aus Starbucks Espresso-Double-Shots und Pizza, die ein Blinder ohne Geschmacksnerven zubereitet haben muss. Das schweißt zusammen. High auf Fett & Zucker beginnen wir die Problemanalyse und die Konzeptentwicklung für unser Projekt: eine Plattform, die Micro-Influencer und passende Kooperationspartner zusammenbringt. Unsere Idee wurde in der Academy, unserem internen Trainee-Ausbildungsprogramm, entwickelt. Sie ist nicht gänzlich neu. Neu ist, dass wir die qualitativen, nicht nur die quantitativen Werte sowie die Skills der Influencer angeben wollen. Außerdem soll eine gegenseitige Bewertung von Kooperationspartnern integriert werden. Jeder Make-up-Junkie, Haustierbesitzer oder Fitnessfreak versucht heutzutage, mit einem Instagram-Account und gekaufter Reichweite lukrative Kooperationsverträge zu bekommen. Die Unprofessionalität vieler Leute auf beiden Seiten macht die Suche nach dem passenden Kooperationspartner zum Perlentauchen im Abwasserkanal. Unsere Anwendung soll neben Public Data auch Analysedaten der Social-Media-Plattformen verarbeiten. Mit Freigabe der Influencer, natürlich. Es soll für beide Seiten Mehrwert generiert und eine verlässliche und professionelle Kooperation ermöglicht werden. Wir beschriften Hunderte bunter Zettel und etliche Quadratmeter überdimensionierte Papierbögen. Feierabend ist gegen 24 Uhr. Alex, das finden wir hinterher raus, wird noch bis in den frühen Morgen coden. Das Starbucks-Zeug schlägt bei ihm wohl voll durch.

Im Morgenlicht des nächsten Tages ergibt unser Zwischenstand nur noch bedingt Sinn. Den Tag über ist unser Vorgehen so systematisch wie der Ausschlag eines Chaospendels. In telefonischen Kurzumfragen belästigen wir Kollegen, Freunde, Bekannte, und Liviana nötigt sogar ihre Mutter als Testimonial herzuhalten. Alisa feilt an Details und arbeitet gleichzeitig auch am Groben. Mittags legen wir den Namen fest: Symfluence. Weil Symbiose & Influencer. Keine Zeit für lange Debatten. Alex codet schon auf Teufel komm raus, während Inhalte und Funktionalitäten noch in Arbeit sind.

Die fischerAppelt-Mädels Alisa (li.) und Fabienne mit unserem Teamchart

Erste Schulterblicke mit Björn und Philipp aus der Jury geben wertvolles Feedback, Bier und Kaffee geben Energie, und später gibt es Ärger. Als Alex am Abend zurückkehrt und den Gestaltungsentwurf sieht, verwandelt sich sein Gesicht in eine Maske aus purer Furcht und Verwirrung. Designer darf man halt nicht lang alleine lassen. Currywurst und Bier glätten die Wogen, und der ursprünglich vesuvische Fluchwörterschwall schwillt langsam auf donaueskes Niveau ab. Inzwischen hat das Team heißer Fleischapfel einen Twitterkanal, und wir geben regelmäßig Auskunft über unsere FPM (Fucks per Minute). Mit Tunnelblick hacken wir in die Nacht. Und nicht nur wir. Überall um uns herum werden manisch bunte Zettel beschriftet, abstruse Diagramme auf riesige Papierflächen gezeichnet und wird fiebrig diskutiert. Bei Rauchpausen vor der Halle tauscht man sich aus. In manchen Teams, so scheint es, wird es demnächst zu Gewalttätigkeiten kommen, während in anderen das Risiko-Kapital für die Umsetzung gesichert scheint, und man in Erwartung großen Reichtums gemeinsam Sportwagen bestellt.

Man schläft schlecht in einer Achterbahn. Anne gar nicht. Sie hat am Samstagmorgen einen exzellenten Präsentationstext parat, der auf den ungebremsten Konsum oder den radikalen Verzicht von harten Drogen schließen lässt. Dazwischen sehe ich keinen Spielraum. Ein USB-Stick und ein Dauerfeuer aus Fragen, Antworten, Bitten, Aufforderungen, Gummibärchen und Schimpfwörtern fliegt in hoher Kadenz über den Tisch. Jeder tut was er kann. Alex codet im höchsten Gang (ca. 50 FPM) und in seiner Verzweiflung arbeitet er sogar teilweise auf einem Mac. Absurd. Während ich ein Logo und ein paar Charts zusammenschrubbe, fliegen die Damen im Präsentationstraining aus der Kurve und starten direkt nochmal durch. 70 FPM. Inzwischen stehen überall monologisch vor sich herbrabbelnde Hackerzombies in der Gegend herum und üben ihren Präsentationstext. Auf der Bühne werden sie exakt drei Minuten Zeit haben. Der Mann mit der Uhr hat einen Säbel und so macht sich Angst breit. Ich habe keine Aufgaben mehr und suche Streit. Hewlett Packard hat ein Promo-Team mit Bluetooth-Mini-Druckern geschickt, die einen Wettbewerb veranstalten. Wer das beste Teamchart mit ihren Fotoaufklebern gestaltet. Perfekt. Ein riesiger Pappbogen voller Unsinn, Verleumdungen und Unverschämtheiten garniert mit Fotoaufklebern, die meine Teamkollegen in vollkommener Verzerrung der Realität gut gelaunt abbilden, ist das Ergebnis.

Aus voller Fahrt und benommen von den geilen Präsentationen der Konkurrenz knallen wir ohne Bremsschirm auf die Bühne – Bruchlandung. Wir vermasseln das Timing und haben die Technik nicht im Griff. Alle Teams haben Beachtliches geleistet und zeigen inspirierende Konzepte und teilweise weit gediehene Anwendungen. Als sich die Jury zurückzieht, sind wir ernüchtert und enttäuscht. Alles für den Schokoladensternfisch. In der Pause werden wir zum Gewinner der HP-Challenge ernannt. Immerhin das. Doch dann kehrt die Jury zurück und verleiht uns vollkommen unerwartet den Preis „Most Trendsetting“. Feuerwerk im Kopf.

Das stolze Gewinnerteam des „Most Trendsetting”-Preises

Philipp Dieterich verleiht den fischerAppelt-Preis „Most Innovative” an moodbot, einen Bot für Mitarbeiterbefragungen. Im Nebel der Begeisterung werden Fotos gemacht, Hände geschüttelt und Kontaktdaten ausgetauscht, die Veranstaltung ist vorbei.

Unser Frankfurter Standortleiter Philipp Dieterich (li.) verleiht den Preis „Most Innvative”

Der PR-Hackathon ist ein rasanter Ritt auf einem Fluxkompensator in die unmittelbare Zukunft der PR – superinspirierend und ein Höllenspaß. Wer die Chance hat, sollte mitmachen. Man braucht keine Anonymous-Maske und auch keinen Plan. Wer mit Offenheit, Begeisterungsfähigkeit und einer Ladung Koffein an die Sache rangeht, wird mehr lernen und mitnehmen als auf jeder Fachkonferenz mit Frontalvorträgen. Aber Vorsicht: Wenn man sich einmal darauf einlässt, einen Hackathon mitzumachen, neigt man dazu, extrem zu werden.

Michael Reinhardt

war als Designexperte beim ersten PR-Hackathon dabei. Langsam erholt er sich vom Starbucks-Kater.




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