Redaktionen auf Coolness-Suche

05.12.2017

Über Journalisten, die mehr Punk als Akademiker sein wollen.

In Deutschlands Redaktionen war kürzlich noch „Fake News“ das heißeste Buzzword. Allerorten präsentierten Medien neue Initiativen, mit denen sie falsche Spreu vom echten Weizen trennen wollten. Die Diskussion ist glücklicherweise runtergefahren worden, der zeternde US-Präsident hat dem Thema jeglichen Ernst geraubt. Im Dezember 2017 suchen die Redaktionen nicht mehr nach Wahrheit, sondern nach Coolness.  

So verblüffte stern.de vergangene Woche damit, seine Zukunft in „News & Rock’n’Roll“ zu suchen. Der interessierte Beobachter fragte sich, was das wohl sein mag. Eine Antwort lieferte stern.de-Chefin Anna-Beeke Gretemeier nicht, fabulierte lediglich, dass das der „Spirit“ sei, für den der stern im Digitalen stehe. Nun fallen einem zu dem Hamburger Magazin und seinem in Maßen erfolgreichen Web-Ableger viele Attribute ein, „rockig“ gehörte da bislang aber nicht dazu.

Noch toller trieb es mit den Begrifflichkeiten die gute, alte Tante DPA. Die will jetzt „punkiger“ werden, verkündete sie im Medienmagazin „Journalist”. Was darunter zu verstehen ist, wurde wenigstens angedeutet: Im November lud die Agentur Entwickler, Designer und Journalisten zu einem Hackathon ein, um neue Ideen zu sammeln. Die neue Anarcho-Agentur leidet schon lange unter Umsatzverlusten und reagiert darauf seit Jahren gleich: Man wolle kundenzentrierter und digitaler werden, so das mittlerweile traditionelle Vorhaben von Deutschlands wichtigster Nachrichtenmaschine. In diesem Jahr kommt auch noch die Vielfalt hinzu. DPA müsse diverser werden, findet Chefredakteur Sven Gösmann, und fordert „mehr Marzahn, etwas weniger Berlin Mitte“.

Der Journalist als Akademiker

Diese und ähnliche Forderungen („Mehr Sauerland, weniger Prenzlauer Berg“, etc.) wider die Filterblase kennt man mittlerweile ebenfalls zur Genüge. Sie packen das Problem des deutschen Journalismus, langfristig kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr zu haben, nicht an. Sondern sie sind wohlfeile Reaktionen auf eine überflüssige Debatte. Der Journalist ist zwar nicht formell, aber in der Praxis ein Akademikerberuf. Gute Schreibe und gehobene Bildung sind unabdingbar für seine Ausübung. Fähigkeiten, die man in sozialen Problembezirken eher seltener findet. So würde auch keine Großkanzlei ankündigen, ihre Anwälte vorwiegend in Duisburg-Marxloh suchen zu wollen, um wieder mehr Kontakt zum „normalen“ Volk zu haben.

Nüchterne Realität: Bei allem Streben nach Coolness, Innovation und Veränderung erwarten die Leute von DPA in erster Linie korrekte Nachrichten (womit wir wieder beim Eingangsthema wären) und vom stern tolle Reportagen. Ob die dann Rock’n’Roll oder Punk sind, ist zweitrangig.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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