VR-Brillen, freundliche Roboter und Dystopien

12.05.2016

Die wichtigsten Themen der re:publica 2016.

In Berlin traf sich die Netzgemeinde zwischen dem 2. und 4. Mai 2016 zur nunmehr zehnten re:publica, um sich über die Zukunft des Internets auszutauschen. Für uns ein Besuch mit Déjà-vu-Charakter: Wie in den Jahren zuvor wurde für die Jubiläumsausgabe der re:publica das Gelände der Station Berlin genutzt, erneut wurde ein Besucherrekord verkündet, und wie jedes Jahr startete die Konferenz zur Freude der Besucher pünktlich zum gefühlten Sommeranfang.

Also alles wie gehabt? Nicht ganz, denn im Vergleich mit den Vorjahren wirkte die Konferenz diesmal noch professioneller und größer. Wer direkt von einer Session in die nächste wollte, stand aufgrund überfüllter Räume häufig vor verschlossenen Türen. Dafür konnte man sich diesmal die Zeit zwischen Sessions in neuen Networking-Areas vertreiben, um sich beispielsweise mit anderen Bloggern auszutauschen. Durch ein großangelegtes Sponsoring wurde die Registrierung an einer Vielzahl nagelneuer Microsoft-Surfaces vorgenommen, und auch andere Branchengrößen wie Google oder T-Systems buhlten mit eigenen Ständen um die Aufmerksamkeit der Besucher. Dazwischen gab es natürlich die üblichen verrückten Ideen und technischen Spielereien, die einen auch am dritten Tag noch Neues entdecken ließen.

Inhaltlich war VR das mit Abstand größte Thema der Konferenz mit einer eigens dafür geschaffenen Ausstellungsfläche auf drei Stockwerken. Die Aussteller weckten bei uns den Eindruck eines technologischen Goldrausches in einer Phase, zu der noch kein Platzhirsch den Markt für sich entscheiden konnte. Und so landeten wir auf dem Mars, schauten uns 360°-Dokus des ZDF an, probierten aus, wie es sich anfühlt, in einem Rollstuhl zu sitzen, per VR eine Wohnung zu möblieren und vieles mehr. Google versuchte sich derweil an einem Flashmob mit versilberten VR-Cardboards, die öffentlichkeitswirksam im Freien in die Kameras gehalten wurden. Am anderen Ende des Geländes stand ein Domzelt mit Rundum-Projektion im Inneren.

Zwei Vorträge stachen für mich besonders aus der Menge der Sessions hervor:

Der erste trug den vielsagenden Titel „Wider die Herrschaft der Algorithmen! Wie bekommen wir die Kontrolle zurück?“ Ob Facebook oder die Google-Suche: Algorithmen bestimmen, welche Inhalte uns angezeigt weren. Ein politisch aktuell relevantes Thema, mit dem auch wir uns derzeit beschäftigen.

Dabei klingen Algorithmen nicht sonderlich bedrohlich, wenn man an den eigenen Feed denkt, doch in China wird derzeit ein „Citizen-Score“ eingeführt, der bis 2020 verpflichtend ist und die Bürger nach deren Sozialleben und Einstellung zur Regierung bewertet. Der Score ist öffentlich einsehbar und wird für die Bürger massive Einschränkungen durch soziale Erwünschtheit zur Folge haben. Wir mussten schlucken und an George Orwell denken.

Der zweite Vortrag zeichnete ein freundlicheres Bild unserer Zukunft: „The Shape of Things to Come“ des Autodesk-CTO Jeff Kowalski ist vom Titel her zwar an eine düstere Zukunftsutopie angelehnt, Kowalski stellt jedoch die optimistische These auf, dass die Menschheit sich parallel zu den zur Verfügung stehenden Werkzeugen weiter entwickelt. In dem Talk beschreibt Kowalski, dass wir uns gerade an einem Wendepunkt der Nutzung neuer Technologien befinden. Bisher können wir nur erstellen, was wir mit unseren eigenen Händen per Maus oder Stift zeichnen und entwerfen können. Mit der Einführung von Generative Design probieren nun Algorithmen unzählige Gestaltungsoptionen durch, was zu Entwürfen und Modellen führt, die häufig besser und vor allem effizienter sind als von Menschenhand erstellt. An der Stelle hört die Innovation allerdings nicht auf, denn durch Machine-Learning reicht es, wenn ein Roboter eine Fähigkeit erlernt, damit andere sie ausführen können. Wir sind gespannt, was diese Technologie einmal für unsere Branche bedeuten kann.

Die re:publica überzeugte auch dieses Jahr wieder mit ihrer ganz eigenen Mischung aus Innovationen und netzgesellschaftlichen Themen, und nachdem wir im vergangenen Jahr selbst Aussteller waren, konnten wir uns dieses Mal ganz auf die Inhalte – und unsere bits & bites-Party konzentrieren. Wir sind schon gespannt, was das nächste Jahr bringen wird.

Frederik Schmidtke

beschäftigt sich bei fischerAppelt mit digitalen Strategien, Zielgruppen und Innovationen.




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