too long; didn’t attend?

13.05.2019

fischerAppelt auf der re:publica 2019

Unter dem Motto tl;dr („too long, didn’t read”) fand in Berlin die dreizehnte Ausgabe der Digitalkonferenz re:publica statt. Der diesjährige Fokus auf Langform, Fließtext und dem Kleingedruckten fühlte sich ungewohnt analog an. Bei der Anmeldung erhielten alle Teilnehmer ein gedrucktes Programmheft im Zeitungsformat, als auffälligste Installation hing die gesamte Ausgabe von „Moby Dick” an einem Stück gedruckt von der Decke und die Netzgemeinde arbeitete sich in gewohnter Inhaltstiefe in noch mehr Tracks und Panels als sonst an den aktuellen Digital- und Gesellschaftsthemen ab.

Unsere Rooftop-Party „Bits & bites” ist inzwischen als Side-Event während der re:publica so etabliert, dass die Anmeldephase dieses Jahr frühzeitig geschlossen werden musste, damit noch etwas Platz zum Tanzen bleibt. Bei seichten Beats trafen sich die Konferenzteilnehmer auf der Dachterrasse der Wonderland Studios zu Bier, Wurst und Grillkäse.

Bei über 600 Sessions und 500 Stunden Gesamtprogrammzeit fällt es schwer, sich ein klares Urteil über die Konferenz zu bilden. Getreu dem Motto tl;dr habe ich daher einfach die Kolleginnen und Kollegen, die ich auf der re:publica getroffen habe, nach ihren Eindrücken und den spannendsten Tracks gefragt.

Yessica Yeti, Senior Texter

Wer immer noch denkt, die re:publica sei eine Online-Kommunikationsmesse für Teenage-Nerds mit Dutts liegt richtig, aber vor allem falsch. Das Durchschnittsalter liegt genauso nah an Zahnspange wie an der Prothese und die Themen sind irre vielfältig und oft offline-gesellschaftspolitisch. Medien, Kapitalismuskritik, Genderfragen, Minecraft als Incentive-Maßnahme für gestresste Führungskräfte, Feminismus mit bauchfrei, Feminismus ohne bauchfrei, ganz neue (Oldschool) TV-Formate, Schulfreidays for Future und immer wieder Bier, Bier und Bier. Die re:publica versteht viel und diskutiert mehr denn je ein Leben, das digital und analog nicht trennt und weiß, das auch Insta-User reiten, radfahren, lesen und Nudeln essen (wenn die Schlange am Burrito-Stand einen Nachmittag lang ist). Big Love forever!

  • Bester Talk: „Der Geist des digitalen Kapitalismus – Solution und Techno-Religion” Oliver Nachtwey

Amelie Falke, Consultant FMCG & Retail

Für mich war es das erste Mal auf der re;publica und ich durfte direkt mit dem richtig starken Talk „too late; didn’t react” zwischen Christoph Keese (Axel Springer SE) und Susanne Hahn (Daimler) starten. Die Kernfrage der Diskussion: „Kann Deutschland den Anschluss an die Digitalisierung noch schaffen?” Keese plaudert aus dem Nähkästchen von seiner Zeit in Palo Alto und hält fest, dass deutsche Firmen nicht alleine gegen die internationale Konkurrenz ankommen können: Car2go, DriveNow und Co. machen es vor – nur mit vereinten Kräften hat Deutschland eine Chance. Und genau das ist auch unsere Stärke: Im Silicon Valley wird nämlich ungern zusammengearbeitet.

Für den Entertainment-Faktor kann ich nur „What’s up TV? – Entertainment from Abroad” mit Marcel Amruschkewitz (Vox) empfehlen: Die neusten TV Trends aus der ganzen Welt. „Moms making porn” werde ich mir auf jeden Fall anschauen.

Katharina Winner, Projekt-Assistentin

„Das ist wie wenn ein Paar sich in Deutschland ein Kind aus England leiht und beide Personen in Deutschland beziehen dann jeweils Kindergeld.” So ungefähr kann man sich die Vorgehensweise der Beteiligten im CumEx-Skandal vorstellen. Schröm schafft es das Thema für jeden begreifbar zu machen und besticht vor allem durch die dokumentierten Undercover-Einsätze und das Insider-Interview.  Gute Geschichte. Gut verpackt.

  • Bester Talk: „Der CumEx-Skandal: Wie wir den größten Steuerraub Europas enthüllten” Oliver Schröm

Frederik Schmidtke

beschäftigt sich bei fischerAppelt mit digitalen Strategien, Zielgruppen und Innovationen.




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