Mehr Schäuble wagen!

24.11.2017

Bedeutet eine Twitter-Pause gleich das Boykottieren der Digitalisierung?

Jeder kennt es, und bedauerlicherweise juckt es kaum noch einen: Die Konferenz läuft auf Hochtouren, der Kollege glänzt mit tollen Ideen – doch die Corona ist mit sich und dem Smartphone beschäftigt. Was vor einigen Jahren noch als Unverschämtheit wahrgenommen wurde, ist heute Standard. Wer sich drüber beschwert, wird als rückständig betrachtet. Immer on sein, immer etwas mitteilen zu haben, mindestens an zwei Orten gleichzeitig sein  – darauf kommt es heute schließlich an. Oder?

Twitter-Pause für das Plenum

„Nein!”, denkt sich der neue Bundestagspräsident und schlägt einfach mal eine Twitter-Pause vor. Per Brief. Gedruckt. Abgeordnete sollten keine Nachrichten mehr aus dem Plenum verbreiten, weil es „unangemessen” sei – und daher „unerwünscht”. Sofort, logisch, Spott und Protest. „Schäuble blamiert sich mit versuchtem Twitter-Verbot”, schrieb die Süddeutsche Zeitung. Der Leser fragte sich nach Lektüre allerdings, worin die Blamage bestand. Die Reaktionen zeigen: Wer Derartiges im Jahre 2017 anordnet, gerät schnell in den Verdacht, der Digitalisierung und damit dem Fortschritt im Wege zu stehen. In einigen Teilen unserer Elite ist das das Schlimmste, was einem vorgeworfen werden kann.

Besonders empört reagierten Politiker, die sich bislang eher durch Öffentlichkeitsarbeit als durch Programmatisches hervorgetan haben. Dorothee Bär beispielsweise. Kein Wunder, dass das Schäuble-Dekret bei ihr auf erbosten Widerstand traf. Während Jamaika tiefe Gräben trennte, führt Twitter die Fronten zusammen: Bärs Kollegin Petra Sitte von der Linken stimmte ihr zu und ließ dabei gute Sitten vermissen. Sie nannte seinen Vorstoß schlicht und einfach „affig”.  Unter #twitterverbot versammelte sich derweil der zu erwartende Widerstand gegen Fortschrittsfeind Schäuble.

Abgesehen davon, dass das fehlerfreie Bedienen eines Twitter-Accounts lange noch kein Ausweis für digitale Kompetenz ist, gibt es diverse gute Gründe für Schäubles Ansage:

  • Zeitungslesende, SMS-schreibende oder plaudernde Abgeordnete sind in den vergangenen Jahren immer wieder mal als Symbol für den diäten-geilen, aber ansonsten wenig ernsthaften Politiker-Typus missbraucht worden, der die Ehre des hohen Hauses untergräbt.
  • Twitter ist ein Instrumentarium, das weite Teile der Bevölkerung überhaupt nicht erreicht. Alles, was Abgeordnete da von sich geben, bleibt im Kosmos einer Info-Elite, findet allerdings mal als Erwähnung im Heute Journal den Weg aus Berlin. Predigen deutsche Politiker nicht immer wieder mehr Sauerland und weniger Prenzlauer Berg, Volksnähe statt Filterblase? Die Diskussion um das Twitter-Dekret belegt, dass das nicht mehr als hohle Worte sind.
  • Gibt es von deutschen Politikern nicht immer wieder Kritik am twitterwahnsinnigen Donald Trump?
  • Die Abgeordneten können nach den Sitzungen stundenlang ihre Kommentare über das Gehörte nach draußen blasen. Eine Live-Berichterstattung aus dem Bundestag erwartet von ihnen kein Wähler. Sie sind keine Journalisten.

Der Bundestagspräsident hat kein „affiges”, sondern ein vernünftiges Zeichen gesetzt. Würde Wolfgang Schäuble doch nur häufiger in Agentur-Meetings sitzen…

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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