Schlechte Zeit, gute Zeit

13.07.2018

Über Headlines, Hetze und vermeintlich humanistische Kritiker

Das Getriebe der deutschen Empörungsmaschinerie lief diese Woche mal wieder wie geschmiert. Den Anlass lieferte ausgerechnet die ZEIT, die eigentlich wenig Anlass zur Aufregung zu bieten pflegt. Ihr Pro und Contra zum Thema Seenotrettung von Flüchtlingen eingeleitet mit der reichlich provokanten (um es vorsichtig auszudrücken) Überschrift „Oder soll man es lassen?“ sorgte für allerhand Ätzendes, das teilweise noch fragwürdiger war als die Überschrift selbst.

So lud Titanic-Chef Tim Wolf zur Diskussion über die Frage ein, ob man einen ZEIT-Redakteur auf der Straße erschießen dürfe. Auch forderte er die Kollegen bei dem Hamburger Wochenblatt auf, der Autorin Mariam Lau heißen Kaffee ins Gesicht zu schütten, sollten sie noch einen moralischen Kompass haben. Satire darf bekanntlich alles. Wirklich? Eine besondere Note hält die Hetze, äääh Satire, dadurch, dass der damalige Titanic-Chefredakteur Leo Fischer 2017 für einen Morgen den Twitter-Account des ZEIT Magazins übernehmen durfte und dabei, wie jetzt sein Nachfolger, durch Todeslust auffällig wurde.

Die Titanic ist auch so ungefähr das einzige Medium, dem die Beschäftigung mit dem Dauerthema Flüchtlinge noch nicht auf die Füße fiel. Während BILD sich fortwährend Shitstorms aussetzen muss, weil man angeblich ständig gegen Flüchtlinge hetze, und der SPIEGEL kürzlich wegen seines Deutschland-Untergangs-Titels dran war (was zu absurder Konstellation führte: Patriotismus durch das linksliberale Spektrum), jetzt also die ZEIT. Die Empörung in den sozialen Netzwerken ermüdet einen dabei schon nach kurzer Zeit: Es sind fortwährend die gleichen Statements, mit denen sich mühelos Hunderte von Likes einsammeln lassen. Jeder fühlt sich genötigt, seinem Protest Ausdruck zu verleihen, auch wenn er Ähnliches bereits in seiner Timeline gelesen und retweetet hatte. Es war schon wohltuend, wenn man jemand darauf hinwies, dass man sich für Seenotrettung auch anders einsetzen könne, als gegen die ZEIT zu pöbeln. Deren Vize-Chef Bernd Ulrich gestand zwar Fehler ein, fand auf Twitter aber auch die richtigen Worte in Richtung der vermeintlich humanistischen Kritiker.

Etwas weniger Resonanz zog eine andere Aktion der Hamburger bzw. ihres Berliner Online-Ablegers auf sich, die zu den bemerkenswertesten redaktionellen Projekten der vergangenen Jahre in Deutschland zählt. Unter dem Motto „Deutschland spricht“ lud ZEIT Online bereits vor der Bundestagswahl 2017 Menschen mit völlig konträren politischen und gesellschaftlichen Anschauungen an einen Tisch. Während andere Filterblasen beklagten und mangelnden Austausch der Eliten mit dem Volk, handelte ZEIT Online. Das Projekt erfährt jetzt eine Fortsetzung auf einem ganz anderen Level. Unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten und unter Beteiligung von elf Medienhäusern (von T-Online über die Tagesschau bis zur Landeszeitung Lüneburg) sollen sich in ganz Deutschland Diskussionspaare zu Vier-Augen-Gesprächen treffen. Termin: 23. September. Die Bewerbungsphase läuft seit diesem Mittwoch. Bereits bei der Aktion von ZEIT Online hatten sich überwältigende 12.000 Menschen angemeldet.

Die Medienpartner stellen ihren Leser in den kommenden Wochen alle dieselben Fragen, wie beispielsweise: „Sollte Deutschland seine Grenzen strikter kontrollieren?“ Anschließend findet ein Algorithmus anhand der Antworten Menschen, die nah beieinander wohnen, aber beim Gedankengut weit voneinander entfernt sind. „Politik-Tinder“ nennt ZEIT-Online Chefredakteur Jochen Wegner das Ganze und lobt zurecht, dass Medienhäuser zusammenarbeiten, was selten vorkomme. In der Tat zerreißt man sich in der Branche eher gegenseitig, was auch bei der aktuellen ZEIT-Empörung gut zu beobachten ist. „Deutschland spricht“ ist da wohltuend anders.

„Oder soll man es lassen?“, wird übrigens nicht gefragt.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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