Schulz grillen am letzten Lagerfeuer

06.10.2017

Was passiert, wenn ein Politiker in der Presse blank zieht.

Stell dir vor, du schreibst und alle reden drüber. „Haste schon gelesen?“ als Frage der Woche. Dieses inzwischen seltene Erlebnis hatte diese Woche SPIEGEL-Mann Markus Feldenkirchen. Seine „Schulz-Story“ war nicht nur im so genannten politischen Berlin Talk of the Town, sondern widerfuhr bundesweit ein Echo, das sogar den heftig diskutierten „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“ des Schweizer „Magazin” übertraf. Der Reporter lieferte mit seinem Intimreport über den SPD-Kanzlerkandidaten in dieser Woche die Pflichtlektüre für das informiertere Deutschland.  

Ein journalistischer Erfolg in jeder Hinsicht

Dem SPIEGEL ist nicht nur ein journalistischer, sondern auch ein Reichweiten-Coup gelungen. In Zeiten medialer Zersplitterung auf eine immer unüberschaubarere Zahl von Kanälen sind – Lesebefehlen auf Twitter zum Trotz – die textlichen Lagerfeuer rar geworden. Dass ein journalistisches Stück das Land beschäftigt, ist mittlerweile fast ausgeschlossen. Es sei denn, es handelt sich um eine investigative Skandalgeschichte. Noch dazu, wenn die Geschichte noch nicht einmal gratis im Netz verfügbar ist. So wurde Feldenkirchens Psychogramm eines überforderten Kanzlerkandidaten quasi zum gedruckten Lagerfeuer der Republik.

Das Glanzstück ist auch aus anderen Gründen bemerkenswert: 50 Termine mit dem Objekt der Recherche über Monate hinweg – welches Medium hat dafür in Zeiten von 24/7, ständiger Newsproduktion und knappen Ressourcen noch Geld und Muße? Der SPIEGEL liefert sozusagen Retro-Journalismus. Auf der anderen Seite bekommt der Leser eine intensive, ungeschönte Nahaufnahme, wie es sie so noch nie gab. Nicht nur Schulz zieht blank, sondern auch seine Berater, inklusive SPD-Parteiroboter Hubertus Heil.

Der Anfang vom Ende?

Kritiker wie stern-Herausgeber Andreas Petzold behaupten, Feldenkirchen habe das Feld für andere Medien zerstört. So nah werde nie wieder ein Politiker einen Journalisten an sich heranlassen. Bloß hat, wie Petzold korrekt twittert, schon zuvor hat kein Politiker einen Journalisten so nah an sich herangelassen. Zweifelhaft also, ob es ohne Feldenkirchen überhaupt je dazu gekommen wäre. Die üblichen Reportagen basieren auf Betrachtungen von Kollegen, die mit einem Tross auf Reisen gehen, öffentliche Veranstaltungen besuchen, dazu vielleicht mal kurze One-on-One-Momente ergattern. Jetzt aufzuschreien „Nie mehr wird sich ein Politiker 150 Tage lang hautnah begleiten lassen!“ klingt komisch. Ist es auch.

Gemischte Reaktionen

Bleibt die Frage: Was hat die Story für Konsequenzen für den Porträtierten selbst? Die BILD fasste die X-Seiten aus dem SPIEGEL gewohnt plakativ zusammen und stellte seine Rolle als SPD-Chef infrage. Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart, von Beginn an Schulz-kritisch (um es zurückhaltend zu formulieren), sprach ihm die Eignung dafür umgehend ab. Der Autor selber sieht es differenzierter und spricht die Schuld am Wahldesaster eher den Beratern zu. Auch sein Text ist weitaus vielschichtiger als es auf Seite 1 der BILD am Montag den Anschein hatte.

So mischt sich in den von vielen unterstellten eindeutig negativen Effekt für Schulz auch Positives. Authentizität und Menschliches liefert der Kandidat in der „Schulz Story“ jedenfalls im Übermaß. Die medialen Beobachter, die diese ständig als Mittel gegen angebliche Entfremdung zwischen Politik und Bevölkerung fordern, entlarven sich selbst: Letztendlich geht es ihnen im politischen Betrieb doch nur um Professionalität, um kühles Vorgehen, um Routine, um die Aufrechterhaltung von Fassaden – also um das Weitermachen wie bisher, um die totale Steinmeierisierung der politischen Kommunikation.        

Der Kandidat Schulz dagegen durchbricht zusammen mit dem Journalisten diese Routine, von der viele Bürger längst genug haben. So ist das große Verdienst der „Schulz Story“ gerade das Dilettantische und Unprofessionelle des Kandidaten.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




Mehr aus dem Blog