Seitenwechsler: Die Mär von den Moneten

07.04.2017

Der Neuigkeiten-Check über die Beweggründe von journalistischen Seitenwechslern.

Es ist eine beliebte Frage im Medienbetrieb: Warum wechseln Journalisten in die PR? Gern genommene Antwort (gerade wieder von einem Ex-Kollegen gehört, der bei einem renommierten Wirtschaftsmagazin arbeitet): „Das Geld stimmt, ne?“ Implizierte Haltung: Dafür, dass ihr euch da verbiegen müsst, bekommt ihr wenigstens sattes Schmerzensgeld.

Viele Journalisten können sich kaum vorstellen, dass es abseits von monetären Erwägungen und Jobverlustängsten Beweggründe gibt die „Seiten zu wechseln“. Eine Studie stellt diese verbreitete Meinung jetzt arg in Zweifel: Danach liegen die Gehälter von Berufseinsteigern in PR- und anderen Agenturen unter denen in Medien und Presse. Und die Lücke wird im weiteren Berufsleben nicht geschlossen, wie andere Erhebungen zeigen.

Goldgrube PR, eine Mär?

In der Öffentlichkeit haben einige Wechsel hochrangiger Journalisten die Wahrnehmung verfälscht. Ich konnte meinem Kollegen die Frage, ob das Geld stimme, positiv beantworten, allerdings war mein Wechsel vom Journalismus in die PR mit einem beruflichen Aufstieg verbunden. Wer dagegen auf gleicher Ebene wechselt, für den wird es sich finanziell – zumindest in Agenturen – in der Regel kaum lohnen.

Warum wechseln?

Weshalb wechseln Journalisten dann also? Vielleicht weil sich die PR im Gegensatz zum Journalismus positiv inszeniert. Während aus dem Medienbetrieb vor allem die Lust am eigenen Untergang nach außen transportiert wird, spinnt die PR glaubwürdig an der Wachstumsstory Content Marketing, an neuen Möglichkeiten, neuen Projekten, neuen Erzählformen. Die Branche zeigt damit, dass sie nicht nur Kunden vermarkten kann, sondern auch sich selbst. Und wird dadurch für Journalisten attraktiv.  

Denn die merken, dass ihnen „auf der anderen Seite“ nicht mehr die Hände gebunden und die Etats gekappt sind. Freie Journalisten erzählen euphorisch von Aufträgen für Firmen-Magazine, die sie für klassische Medien nie hätten unternehmen können, ohne finanziell ins Minus zu gehen. Hier geht es also schon um Geld, aber nicht um das, was auf dem Konto der Redakteure landet – sondern um Recherche-Finanzierung. Schreiben für Corporate Publishing beginnt schlicht, mehr Spaß zu bringen als für Zeitungen oder Magazine.

Geordnete Abläufe statt Kampf gegen die Zeit

Auch geht vielen Journalisten die übertriebene Aufgeregtheit im täglichen Medienbetrieb mittlerweile gegen den Strich. Der harte Online-Wettbewerb um Minuten und Klicks führt zu erhöhtem Stress und überfordert Mitarbeiter. Die sehnen sich zunehmend nach Bedingungen wie sie PR bietet: Projekte, die in der Regel langfristig geplant werden, Abgabezeiten nicht von jetzt auf gleich, sondern von heute auf morgen (wenn es schnell sein muss). Zwar wünscht man sich als frisch gewechselter Journalist, dessen Tagesgeschäft zuvor Breaking News waren, bisweilen mehr Tempo in der Abstimmung zwischen Agentur und Kunden. Doch nach einer gewissen Eingewöhnungszeit weiß man diese geordneten Abläufe zu schätzen. Und bevor es zu bedächtig wird, kommt mit Sicherheit mal wieder ein Krisenfall dazwischen.  

Womit wir bei einem weiteren Anreiz wären: Vielfalt. Kunden, Aufgaben, Rhythmen – alles ist anders alle paar Tage. So viel Abwechslung kann kaum ein Journalistenjob bieten. Und was das Arbeitsklima angeht, entwickelt es sich sicher prächtiger in einem Umfeld, in dem nicht jeden Tag an der eigenen Existenz gezweifelt und negativer Druck aufgebaut wird.

Also, sollten Sie Journalist sein und sich nach einem Job umgucken: Es gibt viele gute Gründe für PR! Lassen Sie den mit der Kohle aber lieber außen vor.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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