Zumutung Slomka

05.01.2018

Wie die Journalistin CSU-Politiker Dobrindt mit ihren Fragen zu Boden bringt

Donnerstagabend gegen 22 Uhr im ZDF: Ring frei. In der einen Ecke Alexander Dobrindt, Revolutionär, in der anderen Marietta Slomka, Nachrichten-Domina. Ein ungleicher Kampf, der eigentlich nur eine Runde wert ist, aus Mangel an anderweitig Berichtenswertem jedoch über die volle Länge geht.

Dabei ist Dobrindt schon nach der ersten Frage ausgeknockt. Gewohnt humorlos jagt ihn die „Heute-Journal“-Moderatorin durch den Ring, dass das CSU-Leichtgewicht einem leidtun kann. Nicht im Ansatz vermag der wankende Dobrindt zu erklären, worin seine konservative Revolution besteht, die er in der „Welt“ ausgerufen hat. Gnadenlos überzieht ihn die schmallippige Frau aus Mainz mit einem Hagel aus Fragen. Wolle er wirklich bürgerliche Aufruhr? Gesellschaftlichen Umbruch? Am Ende gar Merkel stürzen?  

Leere Phrasen

Wird alles nicht klar, so sehr sich Slomka über insgesamt geschlagene sieben (!) Minuten auch bemüht. Der „Revolutionär” vermag nicht klar zu machen, was er sich in seinem Gastbeitrag für die „Welt“ gedacht hat. Und doch hatte der Schaukampf einen Sinn: Dobrindt wird entlarvt. Und mit ihm exemplarisch die Semantik des politischen Systems. Schlagworte, Parolen, Phrasen ohne Hintergrund und Rückgrat.

Mehr hartnäckige Interviews

Entsprechend: Shitstorm für Dobrindt, Applaus für Slomka, am Freitag gefeiert als Jeanne d’Arc des Nachrichtenwesens. Die Reaktionen zeigen aber auch, dass es den Menschen an derartigen Interviews mangelt. Viel zu häufig winken Journalisten, gerade im TV, vorschnell ab, wenn sie merken, dass sie nicht weiterkommen, dass der der Interviewte rumeiert ohne wirkliche Informationen zu übermitteln. Der TV-Journalist mag seinem Gesprächspartner dann meist keine weiteren Fragen zumuten. Und das ist der Unterschied zu Slomka: Sie ist eine Zumutung. Früher hieß es, ein Reporter „grille“ seinen Gesprächspartner, heute „slomkat“ er ihn.

Bloß, dass die ZDF-Journalistin diese Vokabel quasi exklusiv besetzt. Kürzlich zerlegte sie schon FDP-Revolutionär Christian Lindner. Und natürlich gibt es dabei immer Erkenntnisgewinne, wenn auch nicht auf der programmatischen Ebene. Die Menschen sehen Politiker, die zu Großem aufrufen und dann selbst davon verblüfft sind, wie ernst es die Menschen nehmen. Die medial mal wieder einen raushauen wollen, ohne, dass es eine ernsthafte Programmatik gäbe. Das Volk schaut dem Volksvertreter auf den Grund.  

Der letzte, der mit einem Gastbeitrag in der „Welt“ für Aufruhr sorgte, war übrigens Guido Westerwelle. Seine „spätrömische Dekadenz“ war für den inzwischen verstorbenen, damaligen FDP-Chef der Beginn des politischen Abstiegs. Jahre später bereute er die Aussage, Dobrindt tut das möglicherweise schon einen Tag danach. Für das Springer-Blatt wiederum ärgerlich, dass der CSU-Vordenker so eine schlechte Figur abgab. Der Originaltext ist Paid Content. Nach dem Auftritt vom Donnerstagabend dürfte das „Essay” kaum Abo-steigernd wirken.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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