Menschen, Tiere, Sensationen

27.07.2018

Welche Themen wir durch das gestopfte Sommerloch nun missen

Heute beim Kunden: Ein Sprecher moniert, das Thema sei nur hochgekocht, weil gerade Sommerloch sei. Ein Klassiker. Hatte früher wohl mal seine Berechtigung, kann heute aber nur noch als maue Ausrede dienen. Denn Menschen und Medien haben das Sommerloch längst abgeschafft.

Von Sommerloch keine Spur

Ein Weltmeister wirft dem DFB Rassismus vor, die EU schließt Frieden (oder Waffenstillstand…) mit Trump, Facebook erlebt sein Waterloo – alles Meldungen der vergangenen Tage. Die Zeiten, in denen die Bundespolitik den Medien den Takt vorgab, sind längst vorbei. Die Machtzentren haben sich verschoben, die mediale Taktung ebenso. Heute ist News-Modus rund um die Uhr, 24/7. Nicht nur durch die nächtlichen Tweets des US-Präsidenten. Es ist irrelevant, ob der Bundestag Sommerferien macht, denn die Sitzungswochen haben schließlich auch kaum noch jemanden interessiert. Das Sommerloch ist ein Relikt aus der Bonner Republik. Und das wird nicht erst in diesem Jahr offensichtlich. So haben die deutschen Nachrichtenseiten im Juli in der Regel keinerlei Einbrüche zu verkraften, legten 2017 gegenüber dem Juni sogar auf breiter Front zu.  

Diese Themen kommen nun zu kurz

Ob das eine begrüßenswerte Entwicklung ist, steht auf einem anderen Blatt. Der Welt tat es sicher gut, mal ein paar Wochen durchzuatmen. Entschleunigung ist in Medien nicht mehr als eine gehypte Stanze, der Betrieb hat sich davon längst abgewendet. Dabei hat das Sommerloch den Menschen in früheren Zeiten wunderbare Geschichten geschenkt, die außerhalb der Ferienzeit nie zu voller Blüte gekommen wären, weil die Herren Kohl, Brandt oder Genscher davor waren. Beispielsweise „Chopper“, die Geisterstimme aus dem Spucknapf des Regensburger Zahnarztes Kurt Bachseitz, die 1981/82 den Boulevard in Ekstase versetzte. Erst nach vielen Monaten bereitete das Landeskriminalamt (!) Bayern dem Spuk ein Ende.

Auch der entlaufene Kaiman „Sammy“, der 1994 aus einem Baggersee in Dormagen floh, wäre heute kaum zu Berühmtheit gelangt. Genauso wenig wie Killerwels Kuno, ein später Günstling des allmählich kleiner werdenden Sommerlochs, der 2001 in einem Mönchengladbacher Vorgartenweiher einen Dackel samt Hundeleine verspeiste. Dessen Besitzer mag mir verzeihen: Es waren herrliche Geschichten, die das Sommerloch schrieb. Desperate Tiere waren ihre Helden, die Provinz ihre Bühne.

Aber nicht nur zu kurz gekommene Regionen, auch chronisch unbeachtete Bundestagsabgeordnete müssen sich über das gestopfte Loch ärgern. Der Juli war ihr Monat. Vor allem für Dionys Jobst, dem 1993 die Hitze zu Kopf stieg, als er in der BILD vorschlug, dass Mallorca das 17. Bundesland werden solle. Seitdem ein geflügeltes Synonym für die Ferieninsel. 50 Milliarden D-Mark sollte sich Deutschland die Insel kosten lassen, schlug Jobst vor. Der CSU-Mann ist inzwischen verstorben. Killerwels-Kuno und das Sommerloch ebenfalls. Schade.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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