Sophia und die Spindoktoren

08.09.2017

Wenn Promis zu Politik-Influencern werden

Es klang verheißungsvoll: Jeder zweite Wahlberechtigte wollte sich das TV-Duell anschauen, ermittelte Forsa vorab. Stiftet ausgerechnet die Politik der Nation das letzte Fernseh-„Lagerfeuer“? Nein, die Zahl war zu schön, um wahr zu werden. Am Ende lag die Einschaltquote zwar bei guten 16 Millionen, blieb damit aber zum einen hinter der von 2013 zurück und war Millionen entfernt vom letzten wirklichen Duell ums Kanzleramt. Merkel und Schröder hatten 2005 noch rund 20 Millionen Zuschauer verfolgt.

So viel Anteilnahme hatte das Duell, das in weiten Strecken keines war, auch nicht verdient. So war es nur logisch, dass es weder auf Merkel noch auf Schulz positive Auswirkungen hatte. Am Sonntag um 21.45 Uhr erhielt der Zuschauer noch Nachhilfe in Sachen Berliner Politbetrieb, als die Anchormänner und -frauen im TV insiderisch ankündigten, jetzt schlage die Stunde der Spindoktoren, jener nebulösen Wahrheits-Bearbeiter, die in verqualmten Hinterzimmern Journalisten im Sinne ihres Kandidaten beeinflussen, damit diese das Duell auf einmal ganz anders sehen, als sie eigentlich dachten.

Influencer Marketing in der Politik

Wer tatsächlich meint, dieses Ritual habe noch irgendeinen Einfluss auf die Wahl, an dem ist der Medienwandel vorübergegangen. Einen geneigten Kommentar oder eine wohlfeile Analyse in Welt, FAZ oder BILD abzukommen, ist zweitrangig, wenn Influencer ihre Meinung schon längst eindeutig rausgeblasen haben. Fußball-Weltmeister Toni Kroos twittert „Es lebe Angie“ (fast 5000 Faves), Uschi Glas tut mehrfach vor laufender Kamera kund, dass sie Merkel Fan Girl ist, Schauspieler Clemens Schick oder Schlagerstar Roland Kaiser machen sich für Martin Schulz gerade. Dafür braucht es keine Spindoktoren, weil die Kandidaten ihre Promi-Reihen längst formiert haben.

Neuester Coup: It-Girl Sophia Thomalla (715.000 Instagram Follower), deren bisherige politische Meinungsäußerungen meist shitstorm-würdig waren, wirbt für Angela Merkel. Die extremste Kombination im Influencer-Wahlkampf: Weiter weg voneinander als Merkel und Thomalla können Menschen kaum sein. Geschenkt: Wenn Thomalla selbstironisch postet, dass sie Merkel wählt, „weil sie absolut skandalfrei ist“, kommt sie mal eben auf 27.000 Likes.

Ja, ich wähle Angela Merkel! @cdu

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Was hat 2017 und vor allem in der Zukunft mehr Gewicht: Influencer oder Medien? Die Frage beschäftigt nicht nur Marken, sondern auch die Politik. Die Antwort sind die Scharen an Prominenten, die mittlerweile in den Wahlkampf eingebunden sind und offensiver denn je Kandidaten pushen. Nicht immer nur aus rein persönlicher Motivation wie der twitternde Merkel-Fan Kroos. So ist es kein Zufall, dass sich prominente Mitarbeiter und Klienten des Sport-Ablegers von Jung von Matt (JvM) für die Kanzlerin ins Zeug legen. Schließlich ist JvM CDU-Agentur. Da lässt sich denn auch das Engagement der Ex-Fußballer Hans Sarpei (35.900 Instagram Follower), Christoph Metzelder und Arne Friedrich erklären.  

Sie merken: Die CDU ist in Sachen Influencer besser aufgestellt. Die SPD holte dagegen Ex-Schröder-Sprecher und Ex-BILD-Mann Bela Anda ins Boot, um den Wahlkampf-Kahn flott zu machen. Aber das wiederum ist alte Denke. Gegen Thomalla hat Anda (178 Instagram Follower) keine Chance.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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