Staatsempfang in Badelatschen

03.07.2014

Fußballerische Entwicklungen lassen sich bei der WM kaum erkennen. Die wahren Trends kommen aus der Mannschaftskabine. Zum Beispiel beim Selfie mit Angela Merkel.

Was in der Kabine passiert, bleibt in der Kabine. Mit diesem Schwur haben Generationen von Fußballern und Trainern das Heiligtum Mannschaftskabine hermetisch vor jedem öffentlichen Eingriff abgeriegelt. Die Kabine war nicht nur Schutzraum vor der medialen Öffentlichkeit, sondern taugte so auch zum Ort der Legendenbildung.

Bei der deutschen Fußballnationalmannschaft ist spätestens seit 2006 der letzte private Raum ein bisschen öffentlicher geworden. Seitdem gehört es zum Ritual großer Turniere, dass Kanzlerin Angela Merkel Jogis Jungs einen Besuch zwischen Umkleidebank und Entmüdungsbecken abstattet. Und während für den etwas ungewöhnlichen Staatsbesuch zunächst noch galt: no photos, wird heute das Mannschafts-Selfie mit Angela direkt in die Welt getwittert. Der Kabinenbesuch war für Politiker übrigens in Brasilien bisher eine echte Win-Win Situation. Angela Merkel durfte dem Team zum berauschenden 4:0 gegen Portugal gratulieren. Maxima und Willem Alexander beglückwünschten die Elftal zum 3:2 Sieg gegen Australien.

__Ist das Kabinenselfie also ein Erfolgsmodell für ein PFP (Politic Football Partnership)?

Für Politiker__ kann die Nähe zum Fußball durchaus glaubwürdig sein. Aber nur dann, wenn daraus keine Dauerinszenierung wird. Ein Antrittsbesuch und ein Besuch beim Finaleinzug sollten reichen und werden in der Bevölkerung inzwischen fast erwartet. Grußbilder und Kabinenselfies sollten jedoch Seltenheitswert behalten. Denn es muss klar sein, dass Stadion und Kabine Hoheits- und Intimzone der Nationalmannschaft sind. Ebenfalls tabu: politische Botschaften. Beim Fußball geht es um Emotionen und Leidenschaft und nicht um Wahlkampfrhetorik.

Dem DFB-Team bringt die neue Aufmerksamkeit der Politik einen national bedeutenden Stellenwert und passt ziemlich genau in den Imagewandel, den die Mannschaft in den vergangenen zehn Jahren vollzogen hat. Wichtig ist aber auch, dass den DFB-Verantwortlichen der schmale Grat zwischen Inszenierung und dem Kerngeschäft „Fußball“ bewusst bleibt. Die Kasernierung und Abschottung von Malente 1974 ist sicherlich nicht mehr zeitgemäß. Ein zu großes Füllhorn an Guter-Laune-Content wird Joachim Löw und Oliver Bierhoff aber bei sportlichem Mißerfolg vor die Füße gekippt werden. Die wichtigste Inszenierungsbühne bleibt das Fußballfeld. Und hier zählen Leidenschaft und Einsatz.

    Für die Medien wird die neue Fußballwelt immer mehr zur Herausforderung. Groß ist die Gefahr, dem inszenierten Content der Teams, Verbände und Sponsoren zu erliegen. Längst haben Showmoderatoren und unterhaltende Formate, gelernte Sportjournalisten und rein informierende Berichterstattung in die Nischen der WM-Übertragungen verdrängt. Dabei gilt: Je mehr PR-Content auf dem Markt ist, desto wichtiger wird die kritisch-distanzierte Journalistenbrille.




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