Der Hassprediger

02.03.2018

Über Strunz und seinen radikalen Kommentar im Frühstücksfernsehen

Es ist der Stoff, aus dem die Stricke der Galgenbauer von Pegida sind: „Klartext“-Kommentare wie der von Claus Strunz in dieser Woche im Sat.1-Frühstücksfernsehen. „Bürgerverachtung“ warf er der Kanzlerin vor. Grund war ihre Kritik an der Entscheidung der Essener Tafel, keine Flüchtlinge mehr neu aufzunehmen. „Merkel ist zur doppelten Mutti geworden“,  polterte der ehemalige Journalist. „Zur strengen, gefühllosen und ungerechten Stiefmutter für die aufmüpfigen Deutschen und zur fürsorglichen, nachsichtigen und gütigen Mama für die Flüchtlinge.” Sprach’s und genoss, was auf seine geistige Brandstiftung folgte: Fast 150.000 Mal geteilt wurde die Hassrede auf der Facebook-Seite des Senders, mehr als 3,5 Millionen Mal aufgerufen.

Strunz missbrauchte sein Amt als Geschäftsführer der Produktionsgesellschaft des Frühstücksfernsehens bereits vor gut zwei Jahren nach dem Silvesternacht von Köln, als er den verblüfften Zuschauern frühmorgens entgegenrief: „Deutschland 2016 – ein Albtraum.“ Danach folgten in regelmäßigen Abständen Litaneien über kriminelle Ausländer und den versagenden Staat.

Radikalisierung oder PR?

„Strunz weiß, was ankommt“, schreibt stern.de. Das scheint für einen bedauerlich hohen Anteil in der Bevölkerung zu stimmen. Die Frage ist, ob sich seine steilen Thesen von Verachtung und Albtraum überhaupt mit seinen eigenen Ansichten decken. Als Chefredakteur von Bild am Sonntag und Hamburger Abendblatt war man derart Hetzerisches nicht gewohnt vom schneidigen Oberfranken. Hat sich Strunz also mit der Flüchtlingskrise radikalisiert – oder folgen seine regelmäßigen „Klartexte“ einem PR-Kalkül? Immerhin durfte der Sat.1-Mann sogar im TV-Duell zwischen der „Flüchtlingsmama“ und Martin Schulz mitmischen, wirkte dabei aber in etwa so gut aufgehoben wie bei seinen sonntäglichen Auftritten im Fußball-Stammtisch von Sport1, wo er regelmäßig der einzige Fachfremde war. Einen „raushauen“ tat Strunz da auch schon gerne.

Merkel als Bürgerverächterin

Was Strunz geflissentlich verschwieg bei seinem jüngsten Aufritt: Merkel hatte zwar kritisiert, dass Kategorisierungen Deutsche versus Flüchtlinge „nicht gut“ seien – im Übrigen eine Aussage, hinter der prinzipiell hoffentlich auch Strunz steht. Aber die Kanzlerin zeigte auch Verständnis. Die Entscheidung der Ehrenamtlichen in Essen zeige „den Druck, den es gibt“, und wie viele Bedürftige auf Lebensmittelspenden angewiesen seien. Spricht so eine Bürgerverächterin?

Grautöne gibt es in der Welt von Strunz aber nicht (mehr). Und ihm sind viele Mittel recht: Bei seinen Litaneien scheint es Strunz mit der Quellenauswahl nicht so genau zu nehmen. Ein rechtes Blog hatte behauptet, dass Merkel Flüchtlingen bei der Tafel jetzt Vorrang gewähren wolle, man habe sie ja schließlich nach Deutschland eingeladen. Strunz Kommentar ging genau in die Richtung. Die Geschichte war aber ein Fake.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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