SXSW – Zehn Tage in der Zukunft

10.03.2017

Heute startet die große Digitalkonferenz SXSW in Texas.

Vor ein paar Jahren, als George W. Bush dort noch den Gouverneur gab, war Texas für die Deutschen vor allem Dallas, Rinder und Öl, JR und Yiiihaaa! Heute wählen die Menschen dort zwar immer noch in Scharen die Republikaner, aber sonst hat sich einiges getan im Staate Texas, nach dem Silicon Valley mittlerweile die Tech-Region in den USA. Nerds statt Longhorns, Digitalmillionäre statt Ölbarone. Und im Mittelpunkt: Austin. Erst recht in den kommenden Tagen, wenn die texanische Hauptstadt zum South By Southwest (SXSW) Festival lädt. Das ist sozusagen das Woodstock der Moderne. Das Minus an Sex und Drogen wird durch ein Mehr an Visionen ausgeglichen.

Die SXSW ist kaum noch zu labeln

Wenn man die zehn Tage von Austin in einem Wort begreifbar machen will, werden Wortungetüme wie „Kreativ- und Digitalkonferenz“ oder „Musik-, Film- und Digitalkonferenz“ verwendet. Tatsächlich ist die SXSW kaum noch zu labeln und in Worte zu fassen. Tausende Panels und Vorträge, vier Festivals in einem (Comedy, Musik, Film und Interactive), Tausende Konzerte, Programme zu jedem erdenklichen Thema, von Food und Style über Marketing und Brands bis zu Gaming und der unausweichlichen Künstlichen Intelligenz.  Allein in der Disziplin „Journalismus“ werden dieses Jahr unschaffbare 70 Sessions geboten. Mehr als 30.000 Gäste kommen, darunter wohl rund 1.000 Deutsche. Es wird visioniert, ausprobiert, debattiert, phantasiert. Und über allem, natürlich, die Frage: Wie wollen wir künftig leben und zusammenleben?

Das Festival (besser die Festivals) ist so fett geworden, dass sich Veteranen wie üblich bei solchen Events abwenden. Die Vorwürfe: so groß, zu wenig fokussiert und vor allem: zu kommerziell. Derartige Debatten gehören aber zur Folklore jedes gewachsenen Events, man sollte nicht zu viel drauf geben. Wenn Barack Obamas Vize Joe Biden nach Austin kommt, um seine Pläne im Kampf gegen Krebs vorzustellen, dann ist das ein Zeichen für die gewachsene Bedeutung des Festivals, das früher so nie vorstellbar gewesen wäre. Begrüßenswert ist der Auftritt allemal. 2016 kam mit Obama sogar der amtierende Präsident. Das ist mit Donald Trump aber beiderseits nicht vorstellbar. Der aktuelle Amtsinhaber in Washington ist vom liberalen Austin deutlich weiter entfernt als nur 1.317 Meilen.

SXSW 2017: Deutsche Digitalmedien können – und sollten – einiges mitnehmen

Ein Teil des Festivals ist das „German Haus“, gemäß amerikanischen Vorstellungen mit bayerischem Einschlag. Andere (wie die Hansestadt Hamburg und fischerAppelt) fungieren als Partner in den zahlreichen Steak- und Burger-Läden der lebenslustigen Texas-Metropole ein, die im Übrigen so rasant wächst wie ihr Festival. Was 1987 als kleines Country- und Rootsrock-Festival begann, übt seine Anziehungskraft auf ausländische Besucher vor allem als Tech-Event aus. Seit 1994 gibt es die Digitalkonferenz – und seit Jahren pilgern auch Journalisten in stattlicher Zahl nach Texas, um zu netzwerken und sich „inspirieren“ zu lassen, wie es gerne heißt.

Die Erträge derartiger gedanklicher Bestäubung sind dann allerdings recht dürftig, schaut man sich die digitalen Produkte deutscher Medien an. Man kann nicht behaupten, dass jahrelanger Austin-Besuch die deutschen Newssites innovativ nach vorne gebracht hätte. Im Kern bieten diese seit Jahren das Gleiche, hier und da ergänzt mit dem ein oder anderen netten neuen Format. Ob dieses seine Initialzündung in Texas hatte, sei mal dahingestellt. Immerhin findet sich der Trend des vergangenen Jahres, Live-Video und Live-TV, wenigstens in den Angeboten des Branchenführers BILD.de häufiger wieder.

Aber spülen wir Handfestes mal herzhaft mit einem Craft Beer herunter: Ebenso wichtig ist der Besuch auf der SXSW natürlich als Zeichen. Auf Foursquare macht sich ein Trip nach Austin blendend.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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