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Telemedizin: eine Chance für die Healthcare-Branche

Wir zur Lage der Kommunikation – alles tbd. Heute: Franziska Wischmann über den Aufstieg der Telemedizin in Deutschland.

Franziska Wischmann

Franziska Wischmann

Director Content Healthcare & Chemicals

In der Digitalisierung des Gesundheitswesens sehen Expert:innen großes Potenzial. Noch steckt sie in Deutschland in den Kinderschuhen. Doch es bewegt sich was: Kürzlich ist ein großer Versandhandel in das Telemedizin-Geschäft eingestiegen. Eine Chance für die Healthcare-Branche.

Während der Corona-Pandemie ging ein Joke viral: Auf die drängende Frage, wie man das zäh anlaufende Impfen in Deutschlands analogem Bürokratiedschungel organisatorisch beschleunigen könnte, kursierte der Vorschlag, dies in die erfahrenen Hände von Amazon zu legen. Claim: Deutschland wäre innerhalb von einer Woche durchgeimpft, die Prime-Kundschaft wahrscheinlich schon binnen 24 Stunden. Auch wenn das Szenario humoristisch überzogen ist und manchen schon bei der Vorstellung das Lachen im Hals stecken bleiben könnte – so abwegig ist die Idee dahinter gar nicht. Artfremde, aber digital bestens aufgestellte Player im Healthcare-Markt? Why not?

In diesen Kontext passt eine Meldung, die vor einigen Monaten publik wurde: Die Otto-Group investiert ins Telemedizin-Geschäft . Tatsächlich hat der Versandhandelsriese mehrheitlich Medgate übernommen, ein sehr erfahrenes Schweizer Unternehmen digitaler Gesundheitsservices. Mit dem Deal expandiert der Hamburger Konzern seine digitale Kompetenz gezielt in Richtung Digital Health , heißt es. Gesundheit sei ein zentraler Bestandteil im Leben der Menschen, eine integrierte und digital-unterstützte Patient:innenversorgung entsprechend relevant, lässt sich das Unternehmen zitieren und sieht das als Beitrag seiner „Vision ,Responsible Commerce that inspires‘.“

Als Inspirationsquelle taugt das auf jeden Fall, denn wir brauchen schneller konkrete Lösungen. Fakt ist: Die Zukunft ist digital. Und dass Deutschland da noch ziemlich viel Nachholbedarf hat, ist kein Geheimnis. Längst gilt die weltweit fortschreitende Digitalisierung als integraler Bestandteil unseres Lebens – auch in der Medizin. Bei näherer Betrachtung lassen sich einige spannende Rückschlüsse ziehen, die das Potenzial einer digitalen Transformation in der Medizin sichtbar machen.

Telemedizin: Corona als Blaupause

In der Coronakrise haben wir einerseits erlebt, wie rückständig und mit wie viel Verschwendung von finanziellen und zeitlichen Ressourcen unser analoges Gesundheitssystem noch agiert. Andererseits entstanden immer mehr digitale Services und wurden zunehmend genutzt. Ob Videosprechstunden, Diagnose per Online-Fragebogen, ärztliche Beratung, Bildbefunde, das Ausstellen von Rezepten und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen – plötzlich waren sie da, die Lösungen per Mausklick. Und damit eine Versorgung per App, Telefon, Video oder Chat – zeit- und ortsungebunden und quasi rund um die Uhr.

Für den neuen Typus von Patient:innen ist die digitale Gesundheitsversorgung nur noch einen Wimpernschlag entfernt.

Franziska Wischmann, Director Content Healthcare & Chemicals

Unmet Need von Patient:innen mit Telemedizin begegnen

Es heißt, der Druck zur Veränderung kommt von unten. Stimmt: Das gilt auch für digitalisierte Services im Healthcare-Bereich, die zunehmend eingefordert werden – weit über digitale Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen hinaus.

Der neue Typus von Patient:innen ist im Zeitalter von „instant gratification“ aufgewachsen. Sie erwarten Lösungen auf Knopfdruck: Wenn sie eine Antwort suchen, googeln sie. Wenn sie einen Film sehen wollen, dann on demand. Sie nutzen schlafwandlerisch eCommerce und Telebanking, sehen sich Gesundheitsstatistiken der Öffentlich-Rechtlichen auf Instagram an und folgen Ernährungscoaches auf YouTube. Auf lange Wartezeiten für Termine und vor Ort im Wartezimmer können sie verzichten. Da ist der Schritt zu einer digitalen Gesundheitsversorgung, die ihrer Lebensweise entspricht, nur noch einen Wimpernschlag entfernt.

Diese neue Generation ist selbstbestimmt. Sie will zunehmend informiert sein und in Therapieentscheidungen eingebunden werden. Darauf haben Anbieter:innen für Gesundheitsservices und Krankenversicherungen mit neuen seriösen und zertifizierten digitalen Services reagiert. Online-Plattformen mit telemedizinischen Sprechstunden, digitale Anamnese mit Rezept und Medikament per Mausklick und Apps als sogenannte Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) sind inzwischen Realität. Letztere können bei der Aufklärung von Erkrankungen und deren Therapie im häuslichen Umfeld unterstützen.

Healthcare-Daten sind das neue Gold

Mit der Nutzung von Wearables und der möglichen medizinischen Auswertung durch Fachärzt:innen nehmen schon jetzt viele Patient:innen einen aktiven Part in der digitalen Transformation ein. Allein durch Wearables werden jeden Tag Billionen an Daten generiert. Patient:innendaten gelten als ungehobene Goldgrube, weil sie noch nicht verknüpft in Papierakten schlummern. Dabei könnten Millionen Patient:innen davon profitieren. Die Ergebnisse, die KI in Form maschineller Lernverfahren aus der Vielzahl der Daten ziehen könnten, könnten dazu genutzt werden, um Diagnosen und Behandlungen zu optimieren. Sie könnten ein ganzes Gesundheitssystem auf ein neues Level heben.

Gute Ansätze gibt es schon: mit Datenbanken von Krebsdiagnosen, die ein umfangreiches Tumorprofiling möglich machen. Mit der Vernetzung diagnostischer Erkenntnisse, die dazu führen, dass immer häufiger seltene Erkrankungen erkannt und gezielt behandelt werden können. Schließlich ist aber auch das Orchestra-Project  ein gutes Beispiel: Im Kampf gegen Covid-19 entwickelt, sorgt diese orchestrierte Forschungsplattform dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnisse aus 26 teilnehmenden Ländern im gemeinsamen Kampf gegen Corona connected und in Hinblick auf langfristige Folgen ausgewertet werden können. Digitalisierung und künstliche Intelligenz bieten Forschenden und Ärzt:innen neue Möglichkeiten, Krankheiten besser zu verstehen, zu behandeln und im Idealfall sogar zu verhindern, bevor sie auftreten.

Patient:innen können zu den zentralen Treiber:innen für die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens werden.

Franziska Wischmann, Director Content Healthcare & Chemicals

Telemedizin: Vertrauen und Kontrolle

Gleichzeitig wollen Patient:innen Transparenz sowie Kontrolle über ihre Daten, sie möchten bestimmen, wer sie zu welchem Zweck nutzen darf. Patient:innen können zu den zentralen Treiber:innen für die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens werden. Dafür müssen Mediziner:innen, Forschende und Expert:innen der Pharmabranche mit noch mehr Transparenz und Aufklärung Misstrauen der Patient:innen ab- und Vertrauen aufbauen. Denn der digitale Wandel wird nur gelingen, wenn die betroffenen Menschen noch stärker einbezogen werden – indem ihnen erklärt wird, welche Chancen und Vorteile in der Nutzung von Gesundheitsdaten liegen und wie ihre Daten genutzt und geschützt werden.

Die Learnings auf einen Blick

In der Digitalisierung liegt ein riesiges Potenzial, um den Weg zu einem leistungsfähigeren und effizienteren Gesundheitssystem zu ebnen. Sie kann eine hochwertige und bezahlbare, optimierte Versorgung in die Breite bringen. Dafür sollten wir digital hervorragend aufgestellte Unternehmen wie die Otto-Group willkommen heißen, die diese Entwicklung flankierend vorantreiben könnten. Die Herausforderung dabei ist es, die Verantwortung für die Patient:innen vor wirtschaftlichen Interessen zu priorisieren.

Ein digitales Gesundheitswesen mit datengetriebener Medizin ermöglicht nicht nur die schnellere Diagnostik und bessere Überwachung von Erkrankungen. Es eröffnet darüber hinaus die Perspektive, großen Problemen zu begegnen, wozu Fachkräftemangel genauso gehört wie eine schwächere medizinische Versorgung in ländlichen Gebieten. Auch explodierende Kosten innerhalb des Gesundheitssystems lassen sich dadurch deutlich reduzieren.

Schließlich kann sich eine teilweise überlastete Berufsgruppe von Ärzt:innen und medizinischem Personal wieder mehr auf die Werte konzentrieren, die eine KI nicht ersetzen kann: das persönliche Gespräch, zwischenmenschliche Beziehungen und Zeit für einen vertrauensvollen Austausch.

Über die Autorin

Franziska Wischmann ist Head of Content Healthcare & Chemicals. Durch 30 Jahre Erfahrung im Journalismus hat sie ein extrem gutes Gespür für Trends und Themen entwickelt. Gesundheit, Psychologie, Altersforschung waren dabei immer Schwerpunkte. 2012 in die Werbung gewechselt, liegt ihr Fokus inzwischen auch auf der Entwicklung und Umsetzung maßgeschneiderter inhaltlicher Content-Strategien. Mit dem Healthcare-Bereich verschmelzen berufliche und private Interessen an Wissenschaft und Forschung.