Top-Entscheider beim Phrasen-Feuerwerk

22.12.2017

Warum sich die Olivenernte aus Sicht unseres Chefredakteurs Dirk Benninghoff auszahlt

Ein Land schläft ein. Kunden danken, dass man sich an einem Donnerstag Zeit für sie genommen habe. Wo doch bald Weihnachten sei. Jede zweite Mail wird vom Abwesenheitsassistenten beantwortet. Deutschland im Offline-Modus. Nachrichten gibt es nicht, abgesehen von der Heimkehr des Mario Gomez. Die Lücke stopfen allerorten Rückblicke, Vorschauen, Preisverleihungen.

Davon gab es jüngst gleich mehrere. Das Medium Magazin ehrte Journalisten für starke Leistungen, Horizont kürte seine Menschen des Jahres (was der Preisverleihung im Januar wie jedes Jahr ein wenig die Spannung nimmt), während kress, ganz Chef-Postille, Manager und Chefredakteure auszeichnete. Diese Geehrten agierten 2017 allerdings häufig erfolglos, andere konnten sich im Job noch gar nicht richtig beweisen. So stand Florian Harms von T-Online als Chefredakteur des Jahres zur Wahl. Der ist allerdings erst seit September im Amt, und abgestimmt wurde bereits im November. Man sieht: Die Sache mit den Preisen ist nicht nur in der PR ab und an etwas rätselhaft.

Während der Journalismus in Deutschland allen Lamenti zum Trotz noch immer einiges zu bieten hat, mühen sich die Macher eher erfolglos ab, ihren Edelfedern ein geschäftliches Fundament zu bieten. Wie ratlos die Branche ist, zeigte exemplarisch, als der Fachdienst Meedia jetzt „Top-Entscheider“ darum bat, zu prophezeien, was das neue Jahr denn so bringen möge. Eine in weiten Teilen ratlose Vorschau auf 2018, in der viel von Qualitätsoffensiven, tollem Journalismus oder gemeinsamem Handeln die Rede war. Ein Phrasen-Feuerwerk, das man genauso schon zum Jahreswechsel 2015 und 2016 hätte veröffentlichen können, garniert mit düsteren Szenarien von medialen Untergangspredigern wie Thomas Knüwer.

Interessante Ausnahmen: Der Hamburger Internetberater Nico Lumma, der eine extreme Kundenzentriertheit vom neuen Medienjahr erwartet, OMR-Macher Philip Westermeyer, der alles auf das Zauberwort „Plattformstrategie“ verkürzt und ZEIT-Magazin-Chefredakteur Christoph Amend. Ständig reden Journalisten darüber, dass sie aus ihrer Filterblase rausmüssten und auch mal dahin, wo es stinkt, um es mit Sigmar Gabriel auszudrücken. Amend dagegen freut sich auf die Olivenernte in Italien. So viel Ehrlichkeit hat einen Preis verdient.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




Mehr aus dem Blog