Treffen der digitalen Optimisten

28.06.2014

Seit einem halben Jahr ist die Huffington Post Deutschland nun online. Zeit, Bilanz zu ziehen.

Es gab einmal einen Bundeskanzler, der brauchte zum Regieren erklärtermaßen nur BILD, BamS und Glotze – mit den entsprechenden Themen. Sport, Crime und ein paar nackte Tatsachen. Tempi passati. So Nineties. Was heute hot or not in den Onlinecharts der Newsportale geliked, verlinkt oder geshared wird, spricht mehr die 20 bis 35-Jährigen an, nicht die Generation 50plus. Mit dem entsprechenden Lebens- und Nutzwertbezug: „Warum man Cannabis legalisieren sollte“, die „AfD einfach nur doof ist“ (was sie auch ist) und bärtige Hipster nun endgültig mega-uncool geworden sind (mit dem Vorteil, dass Mann die Haarpracht nur abrasieren und nicht wie damals bei den „Arschgeweihen“ schmerzhaft weglasern muss). Das alles ist die Quintessenz des ersten Treffens der Redaktionsleitung der deutschen HuffingtonPost mit ihren wichtigsten Bloggern in Berlin. Und zugleich ein Querschnitt aus den Themen, die am besten auf der HuffPost-Seite laufen: Lifestyle, Politik und Technologie – aber halt nicht mehr Sport und Crime.

Am Vorabend der Bekanntgabe des aktuellen AGOF-Rankings Ende Juni hatte sich eine für die Hauptstadt typisch bunte Gruppe von bloggenden Frauen und Männern, Bundestagsabgeordneten und Publizisten im weitesten Sinne im E-Plus Basecamp in Mitte eingefunden, um mit HuffPost-Herausgeber Cherno Jobatey, Chefredakteur Sebastian Matthes und Senior-Blog-Editor Jürgen Klöckner ein Resümee der ersten Monate zu ziehen. Und in die Zukunft zu schauen.

Die sieht für Cherno Jobatey rosig aus. Angesichts der AGOF-Zahlen sei die deutsche Ausgabe der HuffingtonPost ein halbes Jahr nach ihrem Start eine feste Größe in den Top 20 deutscher Nachrichtenportale geworden. Sie belege mit 2,10 Millionen Unique Usern Platz 15. Onlineangebote wie Manager Magazin und Frankfurter Rundschau ließe die HuffPost damit hinter sich, sagte Cherno Jobatey. Warum die HuffPost so einen rasanten Start vorgelegt hat, versucht Chefredakteur Sebastian Matthes zu erklären: „Unsere Redaktion beleuchtet die Geschehnisse in der Welt aus einer optimistischen Perspektive. Bestes Beispiel ist unsere Berichterstattung über technische Innovationen. Hier interessieren wir uns immer zuerst für die Chancen. Skepsis steht erst an zweiter Stelle. Damit unterscheiden wir uns deutlich von anderen Medien. Und diese positive Herangehensweise kommt bei unseren Lesern gut an. Wir sind das Portal für digitale Optimisten“.

Das solche Optimisten, zu denen ich mich auch zähle, durchaus kritisch, kantig und bisweilen recht abwegig sein können, ist bei der HuffingtonPost quasi eingepreist. Über 1.000 Gastautoren schreiben inzwischen für die HuffPost und liefern der Redaktion immer wieder Inspirationen, beteuerten Jobatey, Matthes und Klöckner. „Bei der HuffingtonPost greifen wir auch Themen auf, die Menschen beschäftigen, die nicht zwangsläufig aus dem Medienumfeld kommen. Wir wissen sehr genau, was unsere Leserinnen und Leser beschäftigt und daher werden unsere Inhalte auch so häufig über die sozialen Netzwerke geteilt“, antwortete Cherno Jobatey durch die Blume auf die massive Kritik insbesondere von Redakteuren etablierter Medien und professionellen Bloggern zum Start der deutschen HuffPost.

  Was hat indes das Konstrukt der (nicht bezahlten) Gastautoren wirklich gebracht? Für die Gastblogger ein prima Podium, eigene Ideen, Projekte oder Produkte zu promoten. Oder wie es eine Gastautorin den Pragmatismus, der dem Konzept zugrunde liegt, beschrieb: „Nur weil ich bei der HuffingtonPost blogge, sind gleich zwei Verlage und ein Magazin auf mich aufmerksam geworden und wollen was mit mir machen“. Gewiss: Für die HuffingtonPost sind die Gastblogger ein günstiger Content-Pool. Fair enough. Für die deutsche Online- und Medienszene, die sich einem Mainstream der Nachrichtenaufbereitung folgend in ihren Onlineportalen kaum noch unterscheidbar präsentiert, ist die HuffPost trotz ihres teilweise Retrodesigns eine Art „Frischedepot“ im Netz geworden – für Schönes, Schräges und Sharebares. Wer hätte das gedacht? Vielleicht vor allem digitale Optimisten.
(Bild: Gülsah Tüfekci)

Harald Ehren

ist als Chefredakteur verantwortlich für alle Content-Formate und war Gründungsmitglied der FTD.




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