Stunde der Selbstzerfleischer

11.11.2016

Donald Trump ist US-Präsident. Welche Rolle spielten die Medien bei der Wahl?

Nach dem Trump-Schock ist für die Medien in Deutschland die Stunde kritischer Selbsterkenntnis gekommen. Kommentatoren beklagen allenthalben, wie weit sich doch die journalistische Kaste, ganz so wie die Politik, vom Volk entfernt habe. Die Abgehobenheit der Eliten – schlimme Sache.

Da sind sich die Kommentatoren in vielen relevanten Medien einig. Schließlich habe ja nicht nur die etablierte Politik, sondern auch das Medien-Establishment mit seiner klar formulierten Trump-Verachtung eine derbe Niederlage erlitten. Das Desaster führt zu allerhand absurden Schlussfolgerungen, wie man den internationalen Vormarsch des viel zitierten Populismus stoppen und die Gesellschaft vereinen könne. Auf die Spitze treibt es die WELT: Sie sieht die Lösung in derberer Sprache und mehr Volkstümlichkeit und fordert, die „Abgehängten anzuhören und ernst zu nehmen, ohne sie abzuwerten“. Formuliert – natürlich – in Worten, die kaum einer dieser „Abgehängten“ zu verstehen vermag.

Fragt sich der Leser, ob er jetzt mit der netten Frau aus Heidenau diskutieren soll, warum sie die Bundeskanzlerin im Sommer 2015 als „F…“ beschimpft habe. Oder ob er die Pegida-Anhänger, die vor einem Jahr einen Galgen für Merkel und Gabriel mit zur Demo brachten, einfach mal zu sich nach Hause einlädt. Oder ganz einfach mal in die USA fährt, um mit Klimawandel-Leugnern fachsimpeln?

Kann man den US-Medien ihre Haltung verdenken?

Was haben die Medien in Sachen Donald Trump „verbrochen“? Sie haben – wie es ihr Auftrag ist – über rassistische, frauenfeindliche und andere Ausfälle berichtet. Sie haben aus seinem Auftreten, seinen Skandalen, seiner Vorgeschichte und seinem politischen „Programm“ in weiten Teilen die Konsequenz gezogen, diesen Kandidaten entschieden abzulehnen. Alles andere wäre beunruhigend gewesen.

Haben sie dadurch den Kontakt zum „normalen“ Volk verloren (das sie ohnehin nie gelesen hat)? Kann man es den US-Medien verdenken, dass Trump selbst mit einem kaum enden wollenden Strom an absurdesten Nachrichten dafür gesorgt hat, dass der Blick nicht auf den (angeblichen) Kern des Problems gewandert ist, der entrückten Elite in Washington? Muss ich als Journalist eine wohlwollendere Haltung zu Trump entwickeln, weil er den Finger im Grunde auf die richtige Wunde legt?

Sicher ist: In ihrer Berichterstattung haben Amerikas Medien sich nicht einmal den Anschein von Neutralität gegeben und zu viel Haltung gezeigt. Bei einem Gegner, der Journalisten beständig beschimpfte und mit Meinungs- und Pressefreiheit gewisse Probleme zu haben scheint, ist das aber auch verständlich.

Niemand wollte Donald Trump als Präsidenten wahrhaben – ein menschlicher Reflex

Auch dass Demoskopen Hillary Clinton noch kurz vor der Wahl vorn sahen und Journalisten so in Sicherheit wiegten, kann den Medien nicht angelastet werden. Was man aufgrund seiner Haltung ohnehin nicht wahrhaben wollte, einen Präsidenten Trump, wurde von vermeintlich fachkundiger Seite bestätigt. Ein menschlicher Reflex.

Und jetzt? Wird sich selbstverständlich kein Journalist mit den „Abgehängten“ außerhalb der Arbeit an einen Tisch setzen, wird kein Leitartikler für die breite Masse schreiben, wird kein Bundespräsident derbe Vokabeln in seine Rede einbauen. Aber Amerikas Presse wird – hoffentlich – den Wahlkampf beenden und den Präsidenten am Programm messen. Nachdem Donald Trump gestern die Medien für Demonstrationen vor seinem Tower verantwortlich machte, ist das aber wohl ein frommer Wunsch.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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