Im Land der Ahnungslosen

26.01.2018

Über die Ergebnisse des Trust Barometers von Edelman Ergo

Wenn Menschen Medien vertrauen, aber dennoch keine konsumieren, ist für die Branche der Worst Case erreicht. Genau dieses Ergebnis lieferte das jüngste Trust Barometer der Kollegen von Edelman Ergo, die einmal jährlich Vertrauenswerte von Medien, Internet-Plattformen und Branchen ermitteln. Oberflächlich positiv, schließlich stiegen die Werte von Journalisten unerwartet deutlich, ergibt sich hintergründig ein Armageddon.

Steigendes Vertrauen für Journalisten

61 Prozent der Befragten in Deutschland geben an, dass sie journalistischen Angeboten vertrauen, 46 Prozent Journalisten für glaubwürdig halten und damit 19 Prozentpunkte mehr als ein Jahr zuvor. Überragende Werte international und auch im Vergleich mit Facebook, Google und anderen Internetriesen: Denen vertrauen nur noch 51 Prozent. Fake News lassen grüßen.

Sinkendes Interesse am Angebot

Und was haben klassische Medien von den Werten? Nichts. Zwei Drittel der befragten Deutschen lesen, hören oder sehen weniger (!) als einmal pro Woche Nachrichten, nur 15 Prozent tun dies mehrmals. Ein lausiger Wert, weit hinter den meisten anderen Ländern, in denen Edelman das Vertrauen maß.

Stellt sich die Frage: Wenn seriöse Berichterstattung und eine erhöhte Glaubwürdigkeit der Protagonisten die Menschen nicht mehr an den Kiosk, ins Internet oder an den Fernseher die lockt, was dann? Ist der Verzicht auf nüchterne Nachrichten, auf ernsthafte Berichterstattung der Schlüssel zum Erfolg? Statt GroKo-Langeweile und Wasserständen aus dem Flüchtlingsstrom also nur noch „Diese 10 Netflix-Serien dürft ihr nicht verpassen“, „Das kann das iPhone 200“, „Ihr glaubt nicht, wen Justin Bieber datet“ oder „Ich lebe von 800 Euro im Monat – das ist meine Strategie“? Wahrscheinlich. Jedenfalls legt der Nachrichtenboykott nahe, dass das Reichweiten-Wachstum deutscher Medienseiten vor allem solchen Themen zuzuschreiben ist.

Welche Inhalte werden konsumiert?

Die traurige Realität: Klassische journalistische Inhalte, vor allem dann, wenn sie geschrieben sind, sind hierzulande nicht mehr viel Wert. Sinkende Wahlbeteiligungen und erodierende Mitgliederzahlen von Parteien sind weitere Symptome desselben Problems: Desinteresse an gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen. Kein Kulturpessimismus, sondern nüchterne Bestandsaufnahme.

Auf der anderen Seite: Steigendes Interesse an Inhalten von Unternehmen und Produkten. Den Konsument giert nach Austausch und Interaktion mit seiner Lieblingsmarke.  Marken vertrauen Konsumenten nicht nur, sie suchen auch noch deren Informationen.

Schön für Influencer und Marketer, negativ für Medien. Und eine Kehrtwende ist nicht in Sicht. Wie soll sie auch gelingen? In den USA steigen Abos und Auflagen zwar seit Monaten – aber bei aller Liebe zu den Medien: Ein deutscher Trump wäre doch ein zu großes Opfer.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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