Twitter – 140 Zeichen und keine Zukunft

10.02.2017

Dirk Benninghoff über die stetig wachsenden Probleme des Kurznachrichtendiensts.

Ich bin Twitter-süchtig. Retweets, Faves, Follower sind meine Drogen, Hashtags mein Spritzbesteck. Ein erfolgreicher Tweet schüttet bei mir Endorphine in Massen aus, ein Rohrkrepierer – und davon gibt es viele – frustriert mich zutiefst. Bis zum nächsten Tweet, der nur Minuten entfernt ist. Ich brauche Twitter, um mich zu produzieren, zu empören, zu entladen, zu loben (selten), zu gratulieren – und nicht zuletzt, um mich zu informieren. Twitter ist meine Tageszeitung, mein Magazin, meine Newssite, mein TV-Sender und mein Tagebuch. Kurzum: Ich kann mir ein Leben ohne Twitter nicht vorstellen.

Muss ich aber. Es ist bald Zeit, Abschied zu nehmen. Denn es gibt viel zu wenig Süchtige wie mich. Die 140-Zeichen-Maschine ist nicht attraktiv genug, um Unternehmen und Mitarbeiter langfristig zu nähren. Diese Woche gab es mal wieder Quartalszahlen. Alle drei Monate entsetzt Twitter seine Anleger, auch diesmal war Verlass auf den Laden: Umsatz und User-Zahlen stiegen nur minimal, Werbeerlöse sanken gar. Und das bei einer der bekanntesten Internet-Marken der Welt im elften Jahr ihres Bestehens. Die Verluste werden immer größer, der Aktienkurs: ein Voll-Desaster. Bei Facebook galoppieren die Gewinne und explodieren die Umsätze, Aktionäre feiern. Bei Twitter dagegen: tote Hose.

Schwierigkeiten von Twitter: Versagt Jack Dorsey?

Dass es noch Menschen gibt, die auf den Herzchen-Button klicken, wenn Twitter-Boss Jack Dorsey Zahlen verkündet, ist vollkommen unverständlich. So begrenzt wie die Zeichen-Anzahl ist die Fantasie der Manager. Als Gründer Dorsey 2015 zurückkam, jubelte die Fangemeinde über den vermeintlichen Messias. Der Vergleich mit Apple lag nahe, das erst mit Steve Jobs’ Comeback so richtig abging. Heute ist klar: Dorsey hat überhaupt nichts bewegt. Er ist eine der großen Management-Enttäuschungen der vergangenen Jahre.

Bei Twitter klappt nichts. Bestes Beispiel: Football. Die ganze Welt fährt mittlerweile darauf ab, der Super Bowl ist auch in Deutschland gehypt wie nie. Twitter erwarb vor Saisonbeginn die Rechte an den Donnerstagsspielen der US-Liga NFL. Dorseys größter Coup. Und was passiert? Kaum einer guckt es. Das schafft nur Twitter. Insgesamt liefen 2016 auf Twitter 600 Live-Video-Stunden (nicht nur Football) – doch nur jeder zehnte Nutzer schaltete sich ein. Viel zu wenig.

Dabei war der Deal mit der NFL spektakulär: ein Major-Sport-Event live im Social Web. Doch Twitter vermarktete das Spektakel strafwürdig zurückhaltend. Neue User brachte es kaum.

Auch Trump kann Twitter nicht retten

Auch der zweite Hoffnungsträger versagte. Wer allerdings allen Ernstes annahm, dass Donald Trump mit seinem 140-Zeichen-Furor die Plattform wiederbelebt, sollte sich in Medienanalyse künftig nicht mehr versuchen. Selbst seine Anhänger wünschen sich weniger Engagement des US-Präsidenten. Er gibt eher ein Beispiel für Missbrauch ab. PR-mäßig ist sein wichtigster User für das liberale, aufgeklärte Twitter eher ein GAU. Dorsey jedenfalls dürften Trumps Botschaften nicht behagen.

Bei Barack Obama war das anders. Aber selbst sein legendärer „Four more years“-Tweet, der 2012 um die Welt ging, war nicht in der Lage, die Twitter-Zahlen anzukurbeln. Warum nicht? Für viele Menschen ist das Gestrüpp aus Abkürzungen, Zeichen, Hashtags und @s optisch abschreckend, unübersichtlich, unattraktiv. Twitter ist im Gegensatz zu den erfolgreichen Netzwerken Facebook, Instagram, Snapchat kein visuelles Medium. Wir Süchtigen tauschen uns in Worten aus. Denn Twitter ist auch ein großer Chatroom. Dafür muss ich aber ständig am Ball bleiben. Und zu wenig Leute nehmen sich die Zeit, ein paar Dutzend mal am Tag ein Netzwerk zu besuchen.

Bekannte Tools wie der Kurzvideo-Dienst Vine waren vermarktungsmäßig Ausfälle und bei den Usern nur kurz beliebt, weil die Konkurrenz bessere Angebote hatte. Im Gespräch mit Kunden ist Twitter im Kanal-Set mittlerweile jedenfalls nur noch eine Kurznotiz. Man erreiche hier Influencer, heißt es dann gern. Noch…

Twitter sucht sein Heil jetzt unter andere im Ausbau der Kooperation mit der NFL. Es ist vielleicht Dorseys letzte Offensive. Im Grunde müsste er die Plattform völlig umkrempeln, um sie wieder flott zu machen. Aber ob Twitter für mich dann noch der richtige Stoff ist? Es wird wohl Zeit, auf Entzug zu gehen.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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