Wenn Donald Trump dir den Tag versaut

27.01.2017

Unser Chefredakteur Dirk Benninghoff über den Umgang der Medien mit Trump.

„Warum spült ihr mir so ein Zeug in die Timeline?“, „Warum schafft ihr den Idioten so eine Plattform?“ So oder ähnlich fallen die Reaktionen aus, wenn man Tweets der AfD aufspießt, bevor sie deren Vertreter später ohnehin löschen. Ignorieren, fordern viele. Doch ist das wirklich der richtige Weg gegen Meinungen vom rechten Rand?

Bei Donald Trump sollte sich diese Frage eigentlich nicht stellen. Denn im Gegensatz zu deutschen Landtags-Hinterbänklern kann man den amerikanischen Präsidenten schwer rechts liegen lassen. Dennoch suchen Journalisten noch nach dem richtigen Umgang mit dem hyperaktiven 70-Jährigen, seiner Administration und ihrer Schwemme an schwerwiegenden, aber auch bizarren Nachrichten.

SPREAD Talk in Berlin zum Thema Medien 2017

„Wir schenken Trump zu viel Aufmerksamkeit“, sagte ZEIT-Online-Chefredakteur Jochen Wegner am Donnerstag beim SPREAD Talk von fischerAppelt in Berlin. Als absurd empfand er beispielsweise die Tatsache, dass die New York Times ein ganzes Team darauf ansetzte, die mäßige Resonanz bei der Trump-Vereidigung zu belegen, um den Präsidenten als Lügner zu entlarven. In der Tat sind die Medien weit davon entfernt, eine objektive Haltung zum US-Präsidenten zu entwickeln. Dazu gießt er selbst zu viel Öl ins Feuer eines schwelenden Konflikts. Beispielsweise wenn er sich als „im Krieg“ mit den Medien wähnt, oder sein Berater Stephen Bannon (als Gründer der rechtslastigen Newssite „Breitbart“ eigentlich selber so etwas wie ein Journalist) den Medien empfiehlt, einfach mal die Klappe zu halten.

Die Gäste unseres SPREAD Talk (v.l.n.r.): Jochen Wegner von ZEIT Online, Laura Himmelreich von VICE, Jörg Quoos von der FUNKE Mediengruppe und Susanne Amann vom SPIEGEL. Daneben unsere Berliner Geschäftsführer Marius Voigt und Johannes Buzási (ganz rechts) gemeinsam mit Chefredakteur Dirk Benninghoff (vorn).

Wer da ein objektives Verhältnis aufbaut, muss von konfuzianischem Gleichmut sein, und so stürzen sich auch deutsche Medien mit großer Aufgeregtheit und Alarmismus auf alles, was die Trump-Maschine ausspuckt. Die US-Botschaft in Israel beispielsweise sei schon im Umzug nach Jerusalem begriffen, hatte man den Eindruck, bis Trump verkündete, dass es für eine Entscheidung viel zu früh sei. Prognose: Der US-Präsident wird auch künftig kaum ohne „Bias“, wie es im Amerikanischen heißt, also ohne vorgefertigte Haltung, beurteilt werden.

Trump zu ignorieren kann auch kein Weg sein

Nun stellen sich hierzulande viele die Frage, ob sie sich frühmorgens schon den Tag mit den neuesten Gedankenspielen des US-Präsidenten versauen lassen wollen oder ihn besser ignorieren. Wegner wird sich wohl noch einmal wohlig umdrehen anstatt sich über den neuesten Tweet zu ärgern. Grundsätzlich kann das aber kein Weg sein, man muss wohl hoffen, dass Trump es irgendwann mal ruhiger angeht… Nun, ja… Merken Sie, ne?

Die Tendenz, für Content Marketing und Werbung große Nachrichtenlagen zu nutzen, macht vor Trump angesichts der Flut seiner Claims nicht halt. Mal führt das zu eher unangenehmen Auftritten, mal zu originellen. Auf jeden Fall ist das vielfach verballhornte „Make America great again“ mittlerweile nicht nur abgedroschen, sondern auch so negativ besetzt (Protektionismus), dass keine vernünftige Kampagne mehr damit spielen wird. Das gilt erst recht für „America First“, in seiner Aussage noch deutlich radikaler.

Das Positive zum Schluss: Das Interesse an Politik ist Trump sei Dank deutlich gestiegen. Wegner und Kollegen freuen sich über mächtige Klickraten, bei allem, was den US-Präsidenten angeht. Gute Zeiten für Journalisten, da waren sich die Teilnehmer unseres SPREAD Talk einig. Auch wenn das so ungefähr das Letzte ist, was sich Trump für seine Präsidentschaft wünscht.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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