Vero - True Social?

09.03.2018

Was steckt wirklich hinter dem Hype um die Social Media App

Seit Ende Februar führt sowohl im App Store als auch in den Medien kaum ein Weg daran vorbei: Überall ist von dem sozialen Netzwerk Vero die Rede, das bereits seit 2015 existiert und mit dem Slogan „True Social“ wirbt. Seit einige Prominente und Influencer ihren Beitritt verkündeten, erlebte die App einen regelrechten Hype. Das Resultat war abzusehen: Die Follower ziehen nach, andere Influencer wollen auch ein Stück vom Kuchen abhaben, Techies und Branchenexperten wollen mitreden können. Der Hashtag #Vero verbreitete sich wie ein Lauffeuer und die Anmeldezahlen schossen derart in die Höhe, dass die Server der App kollabierten. Ebenso verlockend: Der Dienst war für die erste Million Nutzer kostenlos, für folgende Anmeldungen soll in absehbarer Zeit ein kostenpflichtiges Abo verlangt werden.

Was ist Vero und wie funktioniert die App?

Zur Anmeldung ist die Angabe der Telefonnummer notwendig. Die Begründung hierfür lautet, dass sich diese schwieriger verfälschen ließe als eine E-Mail-Adresse. Durch die Angabe der Nummer bzw. die Verknüpfung mit der Smartphone-Kontaktliste findet die App automatisch potenzielle Freunde. Zusätzlich werden weitere Nutzer vorgeschlagen. Im Gegensatz zu Instagram verfügt Vero über verschiedene Personengruppen. Neben den gewohnten Followern kann man sich auch per Kontaktanfrage mit anderen Nutzern verbinden – hier wird zwischen Bekannten, Freunden und engen Freunden unterschieden. Bei jedem Post können die User manuell entscheiden, mit welchen Kontaktgruppen sie ihren Content teilen möchten. Reine Textposts gibt es bei Vero nicht, stattdessen können Fotos, Links, Musik, Filme, Bücher und Orte geteilt werden, die mit Hashtags versehen werden und Likes und Kommentare erhalten können.

Woher kommt der Hype?

Klarer USP der App und vermutlich der Grund für das große Interesse der User: Vero verzichtet komplett auf Werbung und undurchsichtige Posting-Algorithmen. Die Beiträge werden in chronologischer Reihenfolge gezeigt, was vor allem den Nerv der jungen Zielgruppe trifft, die sich oftmals durch Sponsored Posts auf Facebook, Instagram und Co. belästigt fühlt und nicht mehr den für sie relevanten Content ausgespielt bekommt.

Wenn der Versuch gelingt, eine Plattform ohne Algorithmus und Ads zu etablieren, wäre das eine super Sache. Ich hoffe, die Serverprobleme sind bald behoben, sodass Vero eine reale Chance hat. Visuell ist die App schon einmal ganz weit vorne.

Eugenia Lagemann, Director FMCG & Retail bei fischerAppelt

Wie geht es weiter?

Nach der ersten Euphorie haben sich viele neugierige User bereits von der App verabschiedet. Die Situation ist vergleichbar mit dem Netzwerk Ello, dem die meisten User nach anfänglichem Interesse den Rücken kehrten. Durch den langen Atem der sympathischen Gründer erhielt Ello allerdings ein zweites Leben als Netzwerk für Künstler und Fotografen, während bei Vero kontrovers darüber diskutiert wird, ob der Gründer und sein Programmiererteam überhaupt vertrauenswürdig sind.

Ello, Gab.ai, Path – es ist schon eine Gewohnheit, dass gefühlt zwei bis drei Mal im Jahr ein neuer Service hochgejazzt wird. Das ist gut und sorgt für frischen Wind. An der Marktmacht von der Facebook-Family hat das bisher allerdings noch nicht gekratzt. Denn wo die Herde ist, bleibt man nun mal länger.

Christian Clawien, Director Digital Strategy bei fischerAppelt

Hinter der Vero steckt Gründer-Milliardär Ayman Hariri, Sohn des ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten. Bis Juli 2017 war dieser stellvertretender Geschäftsführer bei Saudi Oger, einem der größten Bauunternehmen in Saudi-Arabien. In der Vergangenheit geriet er vermehrt wegen schlechter Arbeitsbedingungen und unbezahlter Löhne in die Kritik. Unter dem Hashtag #deletevero bildete sich bereits eine energische Gegenbewegung.

Weitere Minuspunkte sammelt die App mit den fragwürdigen AGBs (alle Daten inklusives des eigenen Namens können für Werbezwecke eingesetzt werden) und einem umständlichen Prozedere bei Löschung des Accounts. Hier wird zunächst eine Anfrage an den Kundenservice benötigt.

Mein erstes Gefühl: Enttäuschung. Was mich stört, ist die Redundanz. Die App bietet auf den ersten Blick keine spannenden neuen Features, um Content anders darzustellen. Das führt dazu, dass User die eigenen Posts nun doppelt pflegen – sofern sie den alten Kanälen nicht sofort abschwören möchten. Vielleicht ist das auch der Grund, warum zwar einige meiner Kontakte in Vero auftauchen – sich aber niemand aus der Deckung bewegt.

Stefanie Schwalm, Senior Consultant bei fischerAppelt

Ob sich Vero also wirklich durchsetzen kann oder ob mit dem Hype auch die Nutzung der App wieder verebbt, bleibt abzuwarten. Wir werden die Entwicklung weiter beobachten.

Elena Keller

verantwortet als Digital Native das Social Media Marketing von fischerAppelt.




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