Von Boykott bis Badehose

08.06.2018

Über den Medien-Ausschluss von AfD-Mann Gauland und die Debatte über sein Oben-ohne-Foto

Alexander Gauland hat’s geschafft: Nach der unfassbaren „Vogelschiss“-Aussage folgte prompt der erste Medienboykott. Seine Partei hat klar formuliert, dass die Deutschen irgendwann nicht mehr ARD, sondern AfD schauen sollen, und Frank Plasberg ist ihm bei der Erreichung dieses „ambitionierten Fernzieles“ (AfD-Kollegin Alice Weidel) behilflich. Auch ARD-Kollegin Anne Will hat erst einmal keine Fragen an den Rechtsausleger. Damit hilft das Erste der Partei, ihren ganz speziellen Opfer-Mythos auszuleben. Narrativ: Die Linksliberalen der Öffentlich-Rechtlichen paktieren mit der Kanzlerin, um die AfD zu vernichten.

Das rechte Content-Marketing-Projekt

Die Entscheidung von Plasberg, die von einigen Kollegen zurecht kritisiert wurde, spielt den Rechten in die Karten. Ihre Anhänger – und das sind laut Bundestagswahl sehr viele – werden in ihrer Ablehnung des „Staatsfunks“ weiter radikalisiert. Die Partei plant schon länger ihre eigene mediale Offensive. Ein deutsches „Breitbart“ samt Newsroom schwebt den Rechten dabei vor. Man brauche die „Mainstreammedien“ nicht mehr, durch eigene Kanäle lasse sich die Zielgruppe besser erreichen, so die Logik hinter dem rechten Content-Marketing-Projekt, dessen Realisierung allerdings auf sich warten lässt.

Plasbergs Gauland-Bann ist so populistisch wie der Verbannte selbst. In den Wochen zuvor hatte der Talkmaster die Stimmung mit plumpen Titeln wie „Flüchtlinge und Kriminalität“ angeheizt. Da wirkt die Ausladung an den AfD-Mann jetzt eher wie der verzweifelte Versuch, im liberaleren Lager mal wieder Boden zu gewinnen.

Wo könnten Gauland & Co noch in die Mangel genommen werden?

Der liberale Teil des Publikums fragt sich jetzt: Wenn nicht in Talkshows, wo soll denn direkt dagegen gehalten werden, wenn die AfD ihre kruden Thesen verbreitet, die Nazis bagatellisiert und Flüchtlinge beschimpft? Wo könnten Gauland und Co in die Mangel genommen werden? Natürlich ist der Bundestag ein Forum der Auseinandersetzung. Nur: Zu Themen wie dem „Vogelschiss“ wird da kaum eine Sondersitzung anberaumt werden. Und die AfD-Vertreter geben sich – bei allen Unverschämtheiten, die auch im hohen Haus abgesondert werden – doch etwas zahmer als auf Twitter oder im TV.

Badehosen-Gate

An anderer Stelle kam gar Mitleid für den Ausgeladenen auf. Denn der wurde ja am Wochenende auch noch Opfer von Dieben. Sie klauten Gauland die Klamotten, als der gerade im Heiligen See in Potsdam badete. In sozialen Medien wurde reichlich applaudiert. Das rief wiederum Bewahrer von Recht und Ordnung auf den Plan, die darauf hinwiesen, dass Diebstahl ein Verbrechen sei. Nun wurden Kleidungsstücke entwendet, und Gauland hatte es nur wenige Meter nach Hause. Reichlich albern, so etwas abzufeiern, aber ob man dann gleich das Rechtsempfinden der Abfeiernden hinterfragen muss?

Dass Gauland dann mit hängendem Kopf und nacktem Oberkörper in Badehose nach Hause schleichen musste, und dabei von einem Fotografen abgelichtet wurde, entfachte auch noch eine Debatte um Menschenwürde. WELT-Chefredakteur Ulf Poschardt, der schon immer wusste, wie man sich in Szene setzt, twitterte, man werde das entwürdigende Foto nicht veröffentlichen. Der BILDblog zeigte ihm postwendend auf, was die WELT an Vergleichbarem schon gebracht hat. Nackter Oberkörper von hinten aus reichlich Entfernung fotografiert, Badehose nicht tight, sondern in Shorts: Der neutrale Betrachter, aus Medien inzwischen einiges gewöhnt, wundert sich, wo im Fall Gauland das Entwürdigende gewesen sein soll. Viel interessanter: Auf Gaulands Badehose waren keine Hunde auszumachen.




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