Von Fakes und Feinden

10.08.2018

Über die Hetzjagd auf Medien und Journalisten

News und Storys zweier ganz normaler Tage: Journalisten in Weißrussland festgenommen, Netanjahu kämpft gegen kritische Medien, 29 Prozent der Amerikaner sehen Medien als „Feinde des Volkes“. Eine Momentaufnahme, die verdeutlicht: Um die Pressefreiheit steht es nicht nur in Diktaturen schlecht. Und wer darüber lamentiert, muss nicht auf Despoten zeigen. Die Bedrohung ist allgegenwärtig – und Schuld daran ist auch der Wertverlust von Medien und Journalisten in unserer Gesellschaft.

Diese Woche kam ans Tageslicht, dass jeder vierte US-Bürger Medienverächter Donald Trump erlauben würde, Redaktionen zu schließen, wenn diese sich schlecht verhalten, wie auch immer das definiert sein sollte. Und besagte 29 Prozent schließen sich seiner Haltung an, die Medien als Fake News verbreitende Volksfeinde sieht. Solche Werte haben auf unsere Gesellschaft mehr Auswirkungen als die bekannten Repressalien, denen Journalisten in fernen Regimen ausgesetzt sind, sofern sie da überhaupt noch recherchieren dürfen.

Schließlich sind nicht nur die USA von der wachsenden Feindseligkeit gegenüber Journalisten betroffen. In keiner anderen Weltregion hat sich die Lage der Pressefreiheit im vergangenen Jahr so stark verschlechtert wie in Europa. Hetze durch führende Politiker populistischer Parteien ziehen sich durch ganz Europa, auch vor offenen Anfeindungen durch Regierungen sind Journalisten und Medien in Europa nicht sicher. In Polen sowieso, aber beispielsweise auch in Tschechien oder der Slowakei, wo der Mord an dem Journalisten Jan Kuciak im Februar einen negativen Höhepunkt markiert hat.

Alle gegen alle

Der gemeine Journalist sieht sich heute auch in Deutschland einer wachsenden Zahl von Gegnern gegenüber: Dem rechten Rand natürlich, der unablässig die Mär von Systemjournalisten, korrumpiertem GEZ-TV und Lückenpresse predigt. Den zahlreichen Medienbloggern, die banalste Fehler in den Rang von Hitler-Tagebüchern erheben und so am Ruf von Journalisten kratzen. Journalisten selber, die in Zeiten eines heftigen Verdrängungswettbewerbes die Butter auf dem Brot nicht gönnend die Fehler von Kollegen brandmarken. Moralapostel, die jede kleinste vermeintliche geschmackliche Verfehlung geißeln und bei größeren sofort „Löscht euch!“ rufen. Von den notorischen Besserwissern, die bei jedem Rechtschreibfehler Praktikanten am Werk wissen, mal ganz abgesehen.

All das gefährdet nicht die Pressefreiheit, sondern ist vielmehr natürlich auch Ausdruck von Meinungsvielfalt. Aber all das ramponiert den Ruf einer Branche zusehends und sorgt für Werte wie jetzt bei der Umfrage in den USA. Öffentlich auf Medien eindreschende Präsidenten sind für viele kein Grund zur Empörung mehr. Es braucht nur eines starken Protagonisten, der entsprechenden Hass predigt und schlummernde Ressentiments kommen zum Vorschein.  Die verhärteten gesellschaftlichen Fronten führen dazu, dass Spötter Journalisten, deren Meinung ihnen nicht gefällt, gerne in Anführungsstriche setzen. Hoffentlich passiert das nicht bald auch der Pressefreiheit.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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