Warum Fusionen Zeitungen besser machen

27.04.2018

Über die Vorteile der Konzentration auf dem Regionalzeitungsmarkt

Frische News vom Zeitungsmarkt: Der „Bonner Generalanzeiger“, in seligen Zeiten der rheinischen Republik eine gewichtige Stimme, geht in der „Rheinischen Post“ auf. Die Gruppe übernimmt das ehemalige Hauptstadt-Blatt, das mittlerweile nur noch auf eine Auflage von gerade einmal 65.000 kommt und auch online nur eine lokale Rolle spielt. Damit schreitet die Konzentration auf dem Regionalzeitungsmarkt voran. Das muss für den Leser nichts Schlechtes sein. Im Gegenteil.

Der Verkauf des 125 Jahre alten Blattes ist der jüngste Deal in einer Branche, die Zusammenschlüsse als letzte Abwehr gegen eine bereits viele Jahre währende Krise begreift. Vermarktungsallianzen werden geschmiedet, Redaktionen zusammengelegt, Kosten gesenkt. Anfang April griff sich der Münchener Verleger Dirk Ippen mit hessischen Partnern Frankfurter Rundschau und Frankfurter Neue Presse und zementiert so ein Quasi-Monopol in Hessen.

Die anderen großen Konglomerate

  • Funke: Quer durch die Republik mit prominenten Tageszeitungen vertreten wie Hamburger Abendblatt, Berliner Morgenpost oder WAZ. Der Mantel wird von einer Zentralredaktion aus Berlin geliefert, die nach dem spektakulärsten Deal von Funke gegründet wurde: der Übernahme von Springers Regionalzeitungen und Zeitschriften im Jahr 2013.

  • Madsack: Auch die Niedersachsen erkannten das Potenzial einer Zentralredaktion für ihre Blätter und gründeten das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Es beliefert die diversen Madsack-Blätter (Leipziger Volkszeitungen, Hannoversche Allgemeine, Osteezeitung etc.).

  • NOZ: Die Gruppe um die Neue Osnabrücker Zeitung hat sich im Norden 2016 mit der Übernahme der Medien Holding Nord (unter anderen Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag) stark ausgebreitet. Sie umfasst jetzt ein Netz an Lokalzeitungen in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.

  • Südwestdeutsche Medienholding: Hat seit Jahren den Süden fest in der Hand. Eigentümerin der Süddeutschen Zeitung, der beiden Stuttgarter Tageszeitungen und diverser Blätter in Bayern und Baden-Württemberg. Schon vor der großen Konzentrationswelle ein Schwergewicht.

Nun könnte man, wie es beispielsweise der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) bei jeder Übernahme reflexartig tut, das Ende der beispiellosen deutschen Pressevielfalt beklagen. Man könnte jammern, dass Leser in Thüringen, Braunschweig oder im Ruhrgebiet alle dieselben Politikseiten lesen. Dann verkennt man aber, was die Zusammenschlüsse (die ja in der Regel aus der Not, sprich wirtschaftlichem Druck, entstanden sind), ermöglichen:

  • Attraktivere Mantelseiten. Ein Verlag mit einer Gesamtauflage von 800.000 Exemplaren zieht nun mal eher Minister oder Prominenten als Gesprächspartner an als Redaktionen, die nur 65.000er-Auflagen bespielen.

  • Stärkere Köpfe. Die großen Verbünde sind auch für Top-Leute von überregionalen Verlagen attraktive Arbeitgeber geworden. Nur zwei von vielen Beispielen: Ex-Focus-Chefredakteur Jörg Quoos als Kopf von Funkes Zentralredaktion oder Wolfgang Büchener, einst glücklose SPIEGEL-Chefredakteur, inzwischen erster Digital-Journalist bei Madsack. Bei mittelgroßen Regionalzeitungen hätten die beiden kaum angeheuert. Der Qualität der Titel kommt es zugute.

  • Digitale Produkte. Die NOZ Gruppe macht es in Hamburg, das RND in Hannover: Neue Newsrooms, in denen digitale Inhalte produziert werden, aber auch an neuen Produkten getüftelt wird. Die Regionalzeitungen bauen endlich ihre digitalen Angebote aus – ohne finanzkräftigere Zusammenschlüsse so kaum möglich.

  • Neue Jobs. Beispiel RND, das gerade allerorts Digital-Redakteure sucht und so insgesamt 70 neue Stellen schafft. Natürlich werden durch die Zusammenlegungen im Printbereich Jobs gestrichen, auf der anderen Seite aber dringend benötigte digitale Talente geholt.

Das sind vier gewichtige Vorteile der regionalen Konzentration. Ihrem starken Auflagenverfall arbeiten Deutschlands Verlage derzeit mit digitalen Offensiven entgegen. Das ist allerdings auch bitter nötig, weil die Lokalen und Regionalen das Internet jahrelang mehr oder weniger ignoriert haben. Wirtschaftlich steht ein schwerer Weg bevor, denn die Hauptumsätze macht weiter die dahinsiechende alte Tante Zeitung. Hoffentlich kommt die digitale Einsicht also nicht zu spät.

Für die PR-Branche liegen die Vorteile der großen Zentralredaktionen und Mantellieferanten auf der Hand: Wenige, dafür reichweitenstarke Ansprechpartner statt viele mögliche Adressaten mit Mikro-Reichweite.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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