Medien im Müll

09.06.2017

Neuigkeiten-Check über die Rolle der Boulevardmedien bei der britischen Wahl.

All jene, die den Zustand der hiesigen Medien als jämmerlich empfinden, konnten in dieser Woche in Großbritannien mit ansehen, dass es noch viel, viel schlimmer geht, und wir im Vergleich geradezu dankbar sein sollten über das Niveau – auch und gerade, was den Boulevard angeht. Wobei die Chefkritiker an den „System-“ oder „Mainstream-Medien“ ja meist aus der rechten Ecke kommen – und die wurden von den britischen Tabloids bestens bedient. Mit Journalismus hatte der Dreck, der über den Labour-Kandidaten Jeremy Corbyn ausgekippt wurde, allerdings nicht viel zu tun. Und wer schon bei der BILD ständig Kampagnen wittert, dem werden bei der “Sun” diese Woche die Worte gefehlt haben.

Wahl zum Premierminister in Großbritannien: Der Labour-Kandidat Jeremy Corbyn in der Sun

Der moralische Verfall des britischen Boulevards, vor einigen Jahren Gegenstand von Parlaments- und Polizeiermittlungen, setzt sich fort und gewinnt sogar noch an Wucht. Exemplarisch dabei der größte und übelste Vertreter, Rupert Murdochs “Sun”. Wie dort am Wahltag der Labour-Mann geradezu aufgeknüpft wurde, wird selbst dem hartgesottensten Boulevard-Pistolero noch Respekt abnötigen. Corbyn in der Mülltonne wie Oskar (das englische „bin“ steht für Mülleimer) und daneben eine breite Latte an Vorwürfen, präziser formuliert: Diffamierungen. Vom „Terroristenfreund“ über „extremistischer Marxist“ bis zum „Job-Zerstörer“. Bis auf Kinderschänder war eigentlich alles dabei. Dass „offene Einwanderung“ auch zum Beschimpfungs-Vokabular zählt, ist inmitten der Tiraden der beste Hinweis auf die politische Gesinnung des Blatts.

Journalistischer Müll: „Sun”-Titel am Tag der Wahl

Im Angelsächsischen ist das Format der redaktionellen Wahlempfehlung etabliert. In diesem Fall handelte es sich eher um einen Nichtwahlbefehl. Was im Sinne von Murdoch gewesen ist (schließlich will Corbyn den Reichen mit höheren Steuern ans Leder), hat die Leser offenbar eher abgeschreckt. Zum einen wird es selbst unter den Schmutz-erprobten Tabloid-Lesern vielen zu durchsichtig und abstoßend gewesen sein, was die “Sun” da zusammenkehrte. Oder, was entschiedener sein dürfte: Die deutlichen Gewinne für Labour sind ein Zeichen dafür, dass der Boulevard des Königreichs längst die Kraft verloren hat, Wahlen zu beeinflussen. Und wenn man sich noch so sehr ins Zeug legt. Während ähnliche, allerdings nicht ganz so drastische Kampagnen früherer Jahrzehnte – beispielsweise gegen den Labour-Kandidaten Neil Kinnock 1992 – erfolgreich endeten, perlte es diesmal an der Zielgruppe ab. Bezeichnend im Übrigen, dass die Wahlempfehlung pro Torries eher aus der Ablehnung von Labour resultierte als aus Überzeugung.

Es wird in Deutschland immer mal wieder pro und kontra Wahlempfehlung diskutiert. Die Financial Times Deutschland, britisch beeinflusst, hatte das Format Zeit ihres Lebens (2000 bis 2012) dreimal für Bundestagswahlen und einmal sogar für Griechenland eingesetzt, damit aber keine anderen Medien beeinflusst. Die aktuelle Britenwahl zeigt, dass man gut beraten ist, dem Leser selbst die Wahl überlassen, ihm mit kritischer, aber objektiver Berichterstattung nur Material an die Hand zu geben. Der große Influencer, auch das zeigt #GE2017, sind Zeitungen ohnehin nicht mehr.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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