Wahl im TV: Dem „Staatsfunk“ sei Dank

15.09.2017

Was hat mehr Gehalt: Politiker im Gespräch mit Journalisten oder Wählern?

Sie hießen „Klartext“, „Wahlarena“, „Wie geht’s Deutschland?“. Nicht zu vergessen natürlich die TV-Duelle in großer (und langweiliger) sowie kleiner Variante. Das Öffentlich-Rechtliche überschwemmte das Volk geradezu mit Wahlshows. Und wenn es eines Beweises bedurfte, weshalb es gut ist, dass wir den „Staatsfunk“ haben: Die Bundestagswahl 2017 hat ihn geliefert. Kein Bürger kann behaupten, er habe sich auf ARD und ZDF nicht umfassend über die Standpunkte der Parteien informieren können. Erkenntnis: Es gibt doch nicht nur den Wahl-O-Maten.

Otto Normalverbraucher vs. Journalisten

Weitere Erkenntnis aus der Debattenschlacht des Septembers: Die Shows, die Town Hall Meetings gleichen, also Bürger zu Wort kommen lassen, schneiden besser ab, was das Feedback in Medien und sozialen Netzwerken angeht. Momente, wie die Begegnung des Pflege-Azubis oder der Rentnerin in spe mit Merkel („Riestern Sie doch“) bleiben den Menschen im Gedächtnis – Authentizität ist schließlich heute alles. Wo der Bürger direkt auf Spitzenkandidat und Kanzlerin trifft (und dabei Wut und Trillerpfeife zuhause lässt), wird die vermeintlich abgehobene Berliner Polit-Kaste geerdet und spricht über die Alltags-Probleme des Wahlvolks, statt über Trump und Erdogan.

Und genau diese Authentizität vermissen die Bürger offenbar beim Journalismus, weshalb die Moderatoren des klassischen TV-Duells, die schwächste aller Wahlsendungen, sehr schlecht abschnitten. Die etwas affektierte, arg staatsmännische Art und Weise, wie beispielsweise ein Peter Kloeppel (von Switch Reloaded schon vor Jahren hervorragend parodiert) seine Fragen vorträgt, erweckt bei vielen Menschen den Eindruck des etwas abgehobenen, elitären Journalisten. Dass viele Themen ausgeblendet und stattdessen nur mediale Top-Themen wie Flüchtlinge und Türkei wiedergekäut wurden, verstärkt diesen Eindruck. Journalisten fragen Fragen, die Journalisten interessieren.

Den passenden Ton treffen

Die Kritik ist allerdings in Teilen ungerecht, weil dieses vermeintlich Elitäre letztendlich seriös ist. Geschliffene Wortwahl und nüchterner, bisweilen etwas blasierter Ausdruck gehören ganz einfach dazu. Emotionale Momente wie den der Riester-Rentnerin haben in Sendungen wie dem TV-Duell nichts zu suchen.

Glücklicherweise haben wir – nimmt man auch noch die Youtube-Shows mit Merkel und Schulz dazu – mittlerweile eine extreme Vielfalt an TV-Formaten zur Wahl. Dafür sollten wir dankbar sein, wie auch für das öffentlich-rechtliche System, das für einen Großteil dieser Formate verantwortlich zeichnet. Denn wohin private Polit-Berichterstattung führt, lässt sich am morgendlichen „Klartext“-Grauen (nicht zu verwechseln mit dem Town-Hall-Format) von TV-Duell-Provokateur Claus Strunz gut beobachten.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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