Wenn Fiktion zum Fakt wird: Die Newsmaschine #GoT

11.08.2017

Die populäre Serie findet ihren Weg vom Feuilleton in die Nachrichtensparte

Als der US-Präsident am Dienstag Feuer spie, lag der Verdacht schnell auf der Hand. Orientiert sich Trump bei seiner Nordkorea-Politik an „Game of Thrones“? Zwei Tage zuvor hatte (ACHTUNG SPOILER) Sturmtochter Daenerys Targaryen mit ihrem Drachen in einem epischen Flammen-Furor die lannisterschen Truppen platt gemacht. OE.24 fragte allen Ernstes: „Hat er seine Drohung bei ‚Game of Thrones’ abgekupfert?“

Wenn Fiktion zur Real-Politik wird: Der TV-Konsum des Präsidenten heizt Spekulationen an

Fließender Übergang von Fiktion und Realität

Ein neuer Höhepunkt in dem irren Hype um die siebte Staffel des derben Fantasy-Spektakels: „GoT“ als Anleitung für Außenpolitik. Schon zuvor hatte die Mega-Serie das Reich des Fiktiven längst verlassen. Was dort passiert, wird zur Nachricht. „Game of Thrones” führt bei Google News derzeit zu 18,3 Millionen Ergebnissen. Ganz so, als hätte es die Drachenschlacht wirklich gegeben. Wenn beispielsweise stern.de aufklärt: „Darum war Kleinfinger so schockiert“, das Manager Magazin das Wirtschaftssystem des Staates Westeros erklärt oder sich die Zusammenfassung der neuesten Folge im Newsletter der New York Times zu Trump und Wall Street gesellt, dann wird dem Seriengeschehen quasi eine reelle Relevanz gegeben.

Unvergleichlicher News- und Aufmerksamkeits-Hype

Kein Tag ohne „Game of Thrones“-News. Mal wollen Hacker Seriendetails leaken, mal erklären Wissenschaftler, warum man die Serie noch in 100 Jahren kennen wird. Bei früheren Mega-Serien wie „Sopranos“ oder „Breaking Bad“ wurde die Staffel als Ganzes rezensiert oder das spektakuläre Ende gespoilert. Bei „GoT“ dagegen wird mittlerweile über jede einzelne Folge berichtet. Nicht in Form einer klassischen, qualitativen Rezension, sondern als News-Report: Was ist passiert? Und das nicht nur auf den großen Newssites oder Film-Portalen, sondern selbst von Regionalzeitungen.

Es bleibt nicht bei der Zusammenfassung: Details sind Extra-Storys wert. Dass der Mantel von John Schnee von Ikea ist, gelangt zur Topnews, einzelne Sätze werden analytisch von Journalisten auf ihre Bedeutung für den weiteren Serienverlauf zerlegt.

„Game of Thrones“ ist zu einer Newsmaschine geworden und für den Sender und Produzenten HBO ein einzigartiger Earned-Media-Erfolg. Dabei kann die Masse die Serie gar nicht sehen. Denn HBO ist in den USA genauso Pay TV wie Sky in Deutschland. Die Zuschauerrekorde der neuen Staffel sind also relativ. Das viel beschworene TV-Lagerfeuer kann „GoT“ nie werden. Dafür ist die Serie aber auf vielen Ebenen ohnehin zu explizit. Die Wiederauferstehung von John Schnee wird bei all dem medialen Getöse nie so ein Thema für die BILD-Zeitung wie es 1986 die von Bobby Ewing in „Dallas“ war.

So nehmen sich die Rekordwerte von „GoT“ etwas bescheidener aus als die Zahlen der „Straßenfeger“, die es heute nicht mehr gibt. Wöchentlich gut 10 Millionen Zuschauer in den USA und 600.000 in Deutschland (ohne Streaming) sind spitze. Die Serie ist vom Inhalt und dem medialen Echo so gut inszeniert, dass die Zuschauerzahlen ständig steigen.      

Es wird dennoch haufenweise Menschen geben, die sich nur durch Websites über „GoT“ informieren, ohne die aktuelle Staffel gesehen zu haben. HBO hat die Maschine von Beginn an perfekt geölt, schürte Gerüchte und Spekulationen schon Monate vor dem Start der 7. Staffel, ohne dass wirklich Fakten durchgestochen wurden. Zwei Trailer machten die Fans zusätzlich heiß und kamen auf sensationelle Abrufzahlen. Im Netz bietet HBO jede Menge Content rund um die Serie an, offline zieht eine Wanderausstellung um die Welt, in der man den Eisernen Thron besteigen oder die große Mauer hochfahren kann.

Kein Spoiler: Der Autor auf dem Eisernen Thron

Und der Sender setzt jetzt, wo das Epos von Feuer und Eis dem Ende entgegen geht, stärker als zuvor auf Verknappung. Statt 10 gibt es diesmal nur 7 Folgen. Normale Netflix-Serien sind etwa doppelt so lang. Bei „GoT“ wird jede Folge zum Event. Die nächste und wohl letzte Staffel 2019, über die jetzt schon spekuliert wird, soll gar nur 6 Folgen umfassen.

Lineares Fernsehen vs. Bingewatching

„GoT“ zeigt zudem, dass lineares Fernsehen immer noch funktionieren kann. Die Serie – und vor allem die Berichterstattung darüber – lebt davon, dass es nur eine neue Folge pro Woche gibt. Wer alles en bloc schauen will, kann dies auf am Rechner oder Smartphone auf Sky Go tun, wenn er lange genug Geduld hat. Es ist als Fan allerdings so gut wie unmöglich, den Spoilern Tag für Tag aus dem Weg zu gehen. Kurzum: „Game of Thrones“ will Woche für Woche genossen werden, zum Bingen ist das pralle Spektakel ohnehin ungeeignet, mehr als zwei Folgen am Stück kaum zu verdauen.

Drei Folgen noch, dann ist die Show erstmal vorbei. Für kurze Zeit, denn angesichts des anstehenden großes Finales, wird die Gerüchteküche wohl schon 2018 wieder angeschmissen.

Bei allem Einfluss: Der Vergleich mit Trump hinkte. Die Drachenmutter hatte den Feuer-Angriff mit ihren Beratern abgestimmt…

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