Wenn Red Bull nach Wahrheit sucht

28.04.2017

Der Neuigkeiten-Check über den medialen Vorstoß von Red-Bull-Chef Mateschitz.

Über den Deutschland-Start des amerikanischen Rechtsausleger-Portals Breitbart wird seit Monaten spekuliert, ohne dass bislang irgendwas passiert wäre. Zuletzt musste gar der Rom-Korrespondent von Breitbart als Kronzeuge für derartige Expansionspläne herhalten. Da Gründer Stephen Bannon seit Januar den Prince of Darkness im Weißen Haus gibt, bleibt wenig Zeit fürs Business. Seine Expansion ins Deutsche Reich wird allmählich zur Fake News, was ja ohnehin zu den Kernkompetenzen von Breitbart zählt.

Ein deutsches Breitbart? Es besteht offenbar Bedarf

Der Bedarf ist zweifelsohne da. All jene, die meinen, dass man in diesem Land nicht mehr die Wahrheit sagen dürfe, warten sehnsüchtig, werden sie doch von den „Mainstream-Medien“ gar nicht und von Klartext-Portalen wie „Tichys Einblick“ eher unzureichend bedient. Immer nur elitäres Meinungs-Gehubere, das sich seit einigen Wochen auch noch mehr an den Sozis als an Muslimen abarbeitet: Das ist nicht nach dem Geschmack des gemeinen Pegida-Sympathisanten. Der will auch mal ‘ne schmissige Nachricht und „alternative Fakten“, die seine Vorbehalte bestätigen. Das Kerngeschäft von Breitbart also.

Doch jetzt naht Hilfe. Aus Österreich. Immerhin: deutsche Sprache. Ist der Zielgruppe ja sehr wichtig. Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz will Bannon die Arbeit abnehmen. Er beklagte kürzlich in der „Kleinen Zeitung”, dass sich viele Menschen nicht mehr trauten, ihre Meinung zu äußern und wetterte gegen „eine selbst ernannte sogenannte intellektuelle Elite“. Besonders originell ist derartige Kritik inzwischen nicht mehr, aber im Fall Mateschitz dafür gefährlich. Denn er will seinen Frust zu einem millionenschweren Projekt machen. „Quo Vadis Veritas”, also „Wohin gehst du, Wahrheit?” soll sein neues Medium heißen. Nicht der erste Vorstoß von Mateschitz auf dem Medienmarkt. Bislang diente das Red Bull Media House jedoch eher Entertainment als gesellschaftspolitischer Beeinflussung. Auf dem Haussender Servus TV allerdings diskutieren beim „Talk im Hangar” seit einiger Zeit zunehmend Menschen, die bei der Wahrheitssuche am selben Rand buddeln wie Mateschitz. Gestern war Einblicker Tichy da, vor kurzem gar ein Identitärer. Vorboten für das neue Projekt.

Schaut man sich an, wie der Red-Bull-Mann bislang in neue Märkte (Sport!) vorgestoßen ist, so steht zu erwarten, dass er der Szene Flügel verleiht. Zudem soll nicht einfach nur Dampf abgelassen, sondern vor allem recherchiert werden, das Projekt „investigativen“ Charakter haben. In welche Richtung es geht? In dem Interview mit der Kleinen Zeitung zeigte Mateschitz auch unverhohlene Bewunderung für Donald Trump und gab sich als Putin-Versteher. Starke Männer wie er selbst haben es dem Brause-Milliardär offenbar angetan. Die offene deutsche Flüchtlingspolitik dagegen wurde heftigst kritisiert.

Geht’s um den US-Präsidenten und seine Familie, kann Breitbart auch ganz nett…

Dietrich Mateschitz' neue Medienpläne vertragen sich nicht mit der Marke Red Bull

Seiner Marke tut Mateschitz aber keinen Gefallen. Bislang ist Red Bull für viele ein Musterbeispiel für gelungenes Content Marketing. Von Sportvereinen über Events bis zu den eigenen Medien: Bei der bulligen Energiebrause nimmt die Customer Journey kein Ende. Die etwas, sagen wir, ungewöhnlichen Gebaren bei Red Bull Leipzig gepaart mit dem sportlichen Höhenflug führten allerdings schon zu starker Kritik hierzulande.  

Und jetzt will Mateschitz also dem rechten Rand Lese- und Diskussionsfutter liefern. Das passt nicht. Red Bull wird in 160 Ländern verkauft, zwei Drittel des Umsatzes macht die Dose im Ausland. Schon der Slogan-Klassiker vom Flügel verleihen verspricht nicht nur einen Energie-Booster, sondern auch Freiheit. Grenzenlose. Und jetzt kommt Mateschitz mit Sympathie für „America First“ und für geschlossene Grenzen? Mateschitz ehrgeizigstes Sport-Engagement, die Formel 1, ist das globalste Event überhaupt.

Mateschitz’ operative Macher fühlen sich jetzt schon von Medien in Deutschland und Österreich diskreditiert. Nichts anderes solle der Vergleich mit Breitbart („Bullbart”) bezwecken. Eine nicht ganz zutreffende Kritik, denn Breitbart selbst gab mit einer großen, unverhohlen positiven Story über das Mateschitz-Interview die richtige Starthilfe. Die Leser waren außer sich vor Freude und schrieben mehr als 3.200 Kommentare meist applaudierenden Charakters. Ein gewisser McColl sprach vielen aus der Seele und erntete mehr als 600 Likes: „Gut, der Mann. Mainstreammedien werden das nicht erwähnen.“

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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