Wie sich die re:publica Snapchat annähert

06.05.2016

Alle reden über Snapchat, doch wer versteht's? Dirk Benninghoff war beim Workshop.

re:publica, Berlin: Nichts geht mehr in Halle 5. Akute Überfüllung. War klar. Edward Snowden, Schalte, Hotelzimmer, Moskau – funktioniert noch in fünf Jahren. Also lieber schnell ‘nen Club Mate holen – und dann rüber zu „Snapchat für Erwachsene“. Heiteres Getuschel der Journalisten-Kollegen. Das werde man sich doch mal geben. In das Gelächter mischt sich Respekt.

Zu Recht! Halle 6 ist so prall gefüllt, als wäre Snowden gar leibhaftig anwesend. Dabei ist hier nur ein gewisser Joshua Arntzen zugeschaltet. Ein Junge, der von sich sagt, er sei „einfach nur ein 14-jähriger Schüler, der das Internet liebt“, und erklärt wie Snapchat funktioniert. Und das wollen alle wissen. Journalisten, Marketeers – eigentlich jeder über 35. Denn die grelle App, vor ein paar Jahren nur dafür bekannt, dass Inhalte nach einer gewissen Zeit einfach verschwinden, weckt mit ihrem monströsen Wachstum Begehrlichkeiten. 2015 war jeder zweite Nutzer unter 25. Arntzen, gerade aus der Schule heimgekommen, nennt es „mein Internet, das mit eurem Internet nicht viel zu tun hat.“

Was fangen wir nur damit an?

Eigentlich sagt das schon alles. Die Alten tun sich schwer mit den Features der App, die bei Weitem nicht so selbsterklärend ist wie Facebook oder Twitter, und in erster Linie ein visuelles Spielzeug ist, dessen Möglichkeiten viele Möchtegern-Nutzer überfordern. Auch viele der 8.000 Besucher, die dieses Jahr zum zehnten Geburtstag der re:publica gekommen sind. Dabei interessiert sich eigentlich jeder für die App. Wenn die bloß einfacher zu begreifen wäre…

Internet-Star Sascha Lobo ist inzwischen so alt, dass er zu „eurem Internet“ gehört. Kam aber ständig auf die Gegenwelt zu sprechen. Einer der Sätze, die von dieser re:publica in Erinnerung bleiben, richtete sich als Abgesang auf die Generation Internet, die die Konferenz groß gemacht hat: „Wir, die wir uns für eine digitale Avantgarde halten, weil wir noch viel früher als alle anderen Snapchat nicht verstanden haben.“ Als Ausweg empfiehlt Lobo ein „Snapchat für Erwachsene“.

Kapitulation der ersten Generation

Der Irokesen-Mann musste eingestehen, dass die Idealisten seiner Generation gescheitert seien. Das Internet habe die Welt nicht zum Guten verändert. Dass dem so ist, hat auch etwas mit Snapchat zu tun. Wo Menschen ihr größtes Vergnügen darin sehen, ihrem Gesicht eine digitale Hundemaske überzustülpen oder virtuelle Regenbogen zu kotzen, bleibt der große Auftrag möglicherweise auf der Strecke.

Die große Frage für Unternehmen, für Medien, für alle, die Snapchat kommerziell nutzen wollen: Bleibt das Publikum so jung – oder altert es mit der App, so wie auch die Facebook-User immer betagter geworden sind? Begegne ich in fünf Jahren auf Snapchat noch immer meiner heute 13-jährigen Nichte, die die Welt wissen lässt, dass sie „heute zur Zweiten“ in die Schule müsse. Re:publica-Star Joshua glaubt: „In ein bis zwei Jahren wird es die nächste App geben und dann werden die Leute anfangen umzusteigen.“ Danach kämen die „ganzen Omas und Opis“ zu Snapchat.

Von Kunst und Unsinn

Sprich: Was sich Marketer heute für die Blinke-Blinke-App ausdenken, würde dann schon nicht mehr funktionieren. Er selbst, so Joshua, chatte zwar in erster Linie auf Snapchat, würde sich aber auch schon mal die Rubrik „Discover“ anschauen. Dort findet sich aufwändiges Storytelling von Medien. Und hier bekommt man eine Ahnung davon, was Snapchat seinen Usern ermöglicht. Gegenüber der Darstellung auf Snapchat wirken herkömmliche Medien-Websites hoffnungslos altbacken.

Doch noch gibt es zu viel Ungewissheit, wohin die Userschaft wandelt. Möglicherweise elektrisiert 2017 schon ein neues Snapchat die re:publica. Sicher auch ein Grund dafür, dass sich trotz des großen Interesses, markenmäßig (bis auf die Medien) auf Snapchat noch nicht viel tut. Vielleicht wird das – trotz aller Begehrlichkeiten – auch so bleiben. Experte Joshua fasst den Sinn von Snapchat schließlich so zusammen: „Unsinn machen“.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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