Zahlen, bitte!

31.03.2017

Der Neuigkeiten-Check zum neuen Bezahlmodell von ZEIT Online.

Wenn es darum geht, den vermeintlichem Brandstiftern der BILD unseriöse Berichterstattung unterzujubeln, sind die lieben Kollegen schnell bei der Hand. Das zeigt sich jüngst wieder in dieser Woche angesichts von Turbulenzen um Amokflieger Andreas Lubitz und einer angeblich erfundenen Freundin. Bei aller Abscheu schreckt die Branche aber nicht davor zurück, Innovationen des Branchenriesen fasziniert zu verfolgen und bei Bedarf zu kopieren.

Beim Paid Content nimmt der Herdentrieb schon groteske Züge an: Den Marketing-Experten in den Verlagen der Republik fällt für bezahlte Inhalte partout kein anderer Zusatz ein als „Plus” oder „+”, seitdem BILD sein Projekt 2013 so genannt hat.

Paid Content gleich Plus, so die Logik deutscher Verlagshäuser

Paid Content bei ZEIT Online: Gezahlt wird vor allem für Printbeiträge, die online gestellt werden

Neuester Plusser ist ZEIT Online. Dessen Redaktion zählt Hochgeschwindigkeit nicht unbedingt zum Markenkern, ist ein wohltuender Ruhepol in dem häufig unnötig aufgeregten News-Universum. So hat man sich jetzt auch mit seinem Bezahlmodell, das am Donnerstag an den Start geht, Zeit gelassen. Herausgekommen ist bei den Brütereien laut Verlag „das denkbar einfachste Paid-Modell”, de facto ist es eher eines der komplizierteren. Im Kern geht es darum, für Inhalte der Zeitung, die online gestellt werden, Geld zu nehmen. Für Beiträge der Onlineredaktion wird das eher selten geschehen. Womit wir mal wieder beim leidigen Thema der redaktionellen Zweiklassen-Gesellschaft Print/Online wären, dessen sich die ZEIT doch gerade durch neue Tarifverträge für die benachteiligten Internet-Redakteure ein Stück weit entledigt hatte.

Rot kostet: So schaut Plus bei der Zeit aus

Nicht die einzige Komplikation bei ZEIT +. Im Kern geht es darum, dass der Leser einen Teil der Zeitungsbeiträge online frei lesen kann, irgendwann aber dafür zahlen muss (Metered-Modell). Auch für die Gratisbeiträge, die mit einem grauen Zeit+-Logo versehen sind, muss er sich aber anmelden. Für die Beiträge, die mit einem roten Zeit+-Logo versehen sind, braucht er sofort ein Digitalabo. Mit der Mischung aus Gratis-Content und bezahlten Inhalten folgt die erfolgreiche Newssite der Strategie der +-Vorgänger: Umsätze durch Leser schonen, ohne die werberelevante Reichweite zu sehr zu beeinträchtigen.

Hätte ZEIT Online auch komplett zahlungspflichtig funktioniert?

Dabei wäre das hochseriöse ZEIT Online möglicherweise sogar eine der wenigen Websites, die es sich leisten könnten, eine echte Paywall auf ihrer Seite hochzuziehen. Mit ihrem klaren Bekenntnis zu wirklich relevanten Themen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft, dem fast hundertprozentigen Verzicht auf Promi-News und der Marginalisierung der Sport-Berichterstattung besetzt ZEIT Online mittlerweile ein Nische für Bildungsbürger, denen SPIEGEL Online zu boulevardesk geworden ist. Es wäre interessant gewesen zu sehen, ob die Site auch komplett zahlungspflichtig funktioniert hätte. Immerhin generiert man mehr als 60 Prozent der Leser über Direkteingabe.

Doch auch so sichert sich ZEIT Online immerhin die Nutzerdaten seiner Leser, jeder der die grauen +-Texte lesen will, hinterlässt eine E-Mail-Adresse. Und trotz Gratisanteil will der Verlag im kommenden Jahr bereits 37 Prozent seines Online-Umsatzes über Abos einspielen, also über Menschen, die für Journalismus zahlen. Davon gibt es noch immer deutlich zu wenig. Die Umsätze mit Bezahlinhalten im Web sollen im vergangenen Jahr um 14 Prozent gestiegen sein. Zu wenig für ein Geschäftsmodell, das sich noch immer in der Start-up-Phase befindet und auf deutlich höhere Zuwächse kommen müsste. Nach ZEIT Online wird auch so schnell kein überregionaler Anbieter folgen, denn verbleibende Komplett-Gratis-Seiten wie Focus Online kuratieren – treffender: kopieren – Inhalte von anderen, die ihre Leser dafür zahlen lassen. Ein Grund dafür, weshalb Plus bislang eher Plus/Minus ist.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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