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Arbeitest Du noch oder erlebst Du schon?

Wir zur Lage der Kommunikation – alles tbd. Heute: Steffen Schier über Employee Experience.

Steffen Schier

Steffen Schier

Competence Lead interne Kommunikation

Die Fokussierung auf Employee Experience macht aus Arbeiten kein Freizeitpark-Erlebnis. Aber sie bietet die Chance für Unternehmen und Organisationen, mehr Systematik in der Mitarbeiter:innenkommunikation zu etablieren.

Jimi Hendrix hatte eine Mitte der Sechziger. The Prodigy boten sie 1992. Kunden betreffend listet sie die Pressedatenbank genios erstmals 2004 in Deutschland in einem Artikel der Financial Times. Und das Deutsche Institut für Normung beschäftigt sich mit ihr 2020 in der DIN EN ISO 9241-210 im Rahmen der, Zitat, „Menschzentrierten Gestaltung interaktiver Systeme” aus der Sicht der User:innen. Die Rede ist von der EXPERIENCE.

Experience können wir als einzelne Erfahrungen, Erlebnisse oder deren Gesamtheit lesen. Wer sie als Absender:in bietet, verleiht ihr idealerweise aus innerem Antrieb eine individuelle Note, basierend auf bestehendem Wissen und Traditionen sowie dem Zeitgeist geschuldet. Nochmal auf die Band The Prodigy gemünzt: Im Booklet ihres Debüt-Albums „Experience” präsentierten sich die Mitglieder als futuristische Avatare, wobei Keith Flint hippiesk anmutende Klamotten trug. In die teilweise unerhörten completely out of space Sounds baute Liam Howlett auch ein Sample des Arthur Baker Rockhits „Fire” von 1968 ein. Gleichzeitig markierte das Album einen Meilenstein zwischen Mainstream und der UK Underground Rave Scene. Diese war Ende der achtziger Jahre wahrlich kein Woodstock − The Prodigy wurden erst später Festival konform, sie machten gar ihr eigenes. Was das mit Mitarbeiter:innenkommunikation zu tun hat?

Was Mitarbeiter:innenkommunikation von The Prodigy lernen kann

Die Ende 2021 häufig erwähnte „Employee Experience”  baut auf Bestehendem auf – so wie das Experience-Album von The Prodigy. Ähnlichkeiten mit Modellen, die sich in der Customer oder User Experience bereits als erprobt und erfolgreich erwiesen haben, sind ausdrücklich erwünscht. Ich empfehle darüber hinaus unbedingt, den Begriff der Employee um die Zusätze „potential" und „former" zu erweitern. Dies ist erforderlich, ruft man sich die Aussage von Detlef Scheele, Vorsitzender des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit, ins Gedächtnis: 2021 sank aufgrund der demografischen Entwicklung die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte im typischen Berufsalter um 150.000  und wird in den kommenden Jahren noch dramatischer sinken.

Mit der Begriffserweiterung könnten wir Recruiting, interne Kommunikation und Alumni-Kommunikation in einem Zirkelmodell denken, das potentielle Bewerber:innen in der Haltung als Kund:innen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen begreift. Sie werden vom ersten Touchpoint (z. B. jegliche Form von externer Kommunikation, Social Paid Media) über das bestehende Arbeitsverhältnis (Mitarbeitenden-App, Corporate Publishing, Führungskommunikation etc.) hin zu Alumni-Events oder Newsletter jeweils auf die fokussierten Unternehmensziele Mitarbeiter:innengewinnung, Mitarbeiter:innenbindung und Weiterempfehlung/Wiedereinstieg kommunikativ begleitet.

Talents won? Wer auf Experience setzt, kann auch gewinnen!

Unsere eigene Studie , die wir mit der Berliner School for Communication and Management unter 63 internen Kommunikationsexpert:innen durchführten, zeigt dabei Herausforderungen. Nur 22 Prozent haben Personas/Clusterungen der Mitarbeiter:innen verschriftlicht, um zusammenzutragen, was diese für eine gute Kommunikations-Experience benötigen. Nur jeweils jede:r Siebte hat Candidate und Employee Journeys zu den Touchpoints als Basis für die Experience dokumentiert sowie KPI für ein gelungenes Erleben definiert. Ein fatales Versäumnis, das viele Unternehmen demnächst sowohl innerhalb ihrer Recruiting Pipeline als auch in ihrer Fluktuationsquote merken dürften. Da zwei Drittel der Befragten Human Resources und Kommunikation im Lead beim Thema Employee Experience sehen, ist hier eine stärkere Zusammenarbeit als bislang in der Arbeitspraxis erforderlich.

Experiences müssen sich verändern

Der zweite Anknüpfungspunkt an musikalische Experiences ist, dass man als Kommunikator:in demütig anerkennen sollte, dass sich Zielgruppen-Wünsche mitunter schlagartig ändern. Und dass Kommunikation nur einer von vielen Aspekten des Erfahrens und Erlebens mit der eigenen Organisation ist. Wichtige Dauerbrenner-Faktoren wie Vergütung, Jobsicherheit, Standort und Ausgestaltung der Arbeitsstätte, Funktion, Aufstiegschancen, flexible Orts-und Arbeitszeitgestaltung sowie Benefits, Marke und Produkte stehen dabei einerseits in Konkurrenz, speisen aber andererseits die Themen der Kommunikation. Diese antizipiert wiederum auch immer aktuelle Themen und Trends. Zur Zeit zum Beispiel die sogenannte „Covid Klarheit”, die Menschen zum Jobwechsel bewegt, sinnstiftende Arbeit, unterschiedliche Diversity-Aspekte etc.

Als Kommunikator:in sollte man demütig anerkennen, dass sich Zielgruppen-Wünsche mitunter schlagartig ändern.

Steffen Schier, Competence Lead Interne Kommunikation

Andere Themen könnten zukünftig noch dringlicher werden, als sie es jetzt schon sind, zum Beispiel die Vereinbarkeit von Beruf und häuslicher Pflege naher Angehöriger. Die Haltung eines Unternehmens in dieser Frage ist hinsichtlich der persönlichen Relevanz höher zu gewichten als ein gelungenes Posting im Social Intranet. Nichtsdestotrotz gilt in der Gegenwart der Wert der Worte. Eine offene, schnelle, dialogische, exzellente, empathische und systematische Kandidat:innen- und Mitarbeiter:innenkommunikation in eine zeitgemäße digitale Infrastruktur eingebettet begünstigt eine gute Unternehmenskultur. Das ist doch auch schon mal eine gelungene Experience!

Über den Autor

Steffen Schier ist Competence Lead Interne Kommunikation bei fischerAppelt. Seit vielen Jahren betreut er Projekte aus der internen Kommunikation, die seiner Meinung nach von Unternehmen mit der gleichen strategischen Sorgfalt und den gleichen Budgets bedacht werden sollten wie die externe. Seine Schwerpunkte liegen zurzeit bei Mitarbeiter-Apps, Führungskommunikation, Employer Branding und Erfolgsmessung.