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Keine Botschaft, keine Haltung

Wir zur Lage der Kommunikation – alles tbd. Heute: Dirk Benninghoff über #allesdichtmachen.

Dirk Benninghoff

Dirk Benninghoff

Chefredakteur

Die schnelle Distanzierung einiger Akteure macht die zynische Protest-Aktion deutscher Schauspieler:innen noch überflüssiger. Und doch gibt es einige Erkenntnisse, die über die spöttischen Youtube-Filmchen hinaus Bestand haben.

Man hätte meinen können, zu #allesdichtmachen sei Anfang der Woche alles gesagt gewesen. Doch wie es in solch eskalierenden Fällen nun mal so ist, folgen auf die zumeist wütenden Reaktionen die Gegenreaktionen – und die Spirale aus Empörung, Rechtfertigung, Relativierung und der nächsten Empörung dreht sich munter weiter. Der Fall der gegen die Corona-Haltung von Regierung und Medien (und letztendlich weiten Teilen der Gesellschaft) protestierenden Schauspieler:innen bietet also auch in dieser Woche viel mehr Stoff, als ihm eigentlich gebührt.

Die wichtigsten Erkenntnisse hier zusammengefasst:

1. Reaktionen bestärken unsinniges Narrativ

Einige Reaktionen können die Akteur:innen in ihrer Haltung bestärken, dass die Meinungsfreiheit in diesem Land gefährdet sei. Insbesondere der unsägliche (und schnell kassierte) Einfall des WDR-Rundfunkrats Garrelt Duin, die beteiligten Stars künftig vom „Tatort“ auszuschließen, könnte manchen glauben lassen, mit dem Vorwurf voll ins Schwarze getroffen zu haben. Natürlich bedienen sich Jan Josef Liefers und Gefolgsleute hier eines unsinnigen Narrativs. Zwar haben sich die öffentlich-rechtlichen Medien durch ihre häufig missionarisch wirkende Art verdächtig gemacht, ihrer Neutralität im Sinne des staatlichen Auftrages nicht mehr gerecht zu werden, de facto ist es aber so: Jede:r kann seine:ihre Haltung weiterhin auf allen Kanälen kundtun. Und auch der:die Corona-Leugner:in erhält Sendezeit.

2. Satire darf nicht alles

Die „Umweltsau“ von WDR brachte die eine politische Flanke auf die Palme, der Corona-Zynismus jetzt die andere. Humor war schon immer Geschmackssache, jetzt ist er diskutabel.

3. Brandbeschleuniger Social Media

Dass dem so ist, haben wir zum nicht unwesentlichen Teil der Debatten-„Kultur“ auf Social Media zu verdanken. Vor allem Twitter war erneut verbaler Dampfkessel und Empörungs-Beschleuniger. Die Hashtag-Gesellschaft fordert ihren Tribut: Wäre doch fahrlässig, nicht auf ein Trending Topic aufzuspringen und seinen Senf dazuzugeben, um in der Timeline rasch ein paar Hundert Herzchen abzugreifen. Diese Sucht nach öffentlichem Applaus treibt die Zahl der Tweets und Interaktionen. Themen erscheinen so weit relevanter als sie sind. Vor allem dann, wenn Social Media klassische Medien inspiriert.

4. Protest ohne Botschaft

Was die Schauspieler:innen mit der Aktion bezwecken wollten, wird nicht so richtig klar. Ihr Protest wirkt in seiner Art etwas pubertär, ist einfach nur spöttisch und destruktiv. Es werden keine Lösungsvorschläge unterbreitet, keine Forderungen gestellt. Nun muss Kultur keine Lösungen anbieten – aber sollte die Aktion nicht mehr als bloße Kunst sein? Sollten die Filmchen das Augenmerk der Öffentlichkeit auf die Kultur generell lenken oder nur auf die Schauspielerei? Gibt es diesen höheren Sinn überhaupt? Warum schließen die Youtube-Clips dann nicht mit einer gemeinsamen Botschaft, wie sie zu einer Kampagne gehört, sondern nur mit drei sarkastischen Hashtags?

Auf dem Weg zur Rückzieher-Gesellschaft?

Am bemerkenswertesten an #allesdichtmachen aber ist, dass es einen Trend bestätigt, der in den vergangenen Monaten generell immer beliebter geworden ist in der öffentlichen Kommunikation: den der lapidaren Distanzierung. Heike Makatsch und andere Mitstreiter:innen sagten sich bereits nach dem ersten Protest von der Aktion los und löschten ihre Videos. Die Begründung hat man so oder ähnlich schon bei zig anderen so genannten Shitstorms oder „Gates“ gelesen. Man habe niemanden verletzen wollen und bereue zutiefst, wenn dies so rübergekommen sei. Auch habe man natürlich keineswegs rechten Demagog:innen in die Hände spielen wollen. Klingt so wie der Autokonzern, dem eine Werbekampagne mit zweideutigen Anspielungen missglückte oder der Vereins-Boss, der beim launigen Bierabend mal einen gegen Menschen aus Afrika rausgehauen hat.

Nichts erscheint in diesen Tagen einfacher, als sich vom Gesendeten wieder zu distanzieren.

Dirk Benninghoff, Chefredakteur

Nichts erscheint in diesen Tagen, wo alle ständig und überall senden, einfacher, als sich vom Gesendeten zu distanzieren. Der Applaus von der rechten, die Empörung von der linken Seite: Die Reaktionen auf #allesdichtmachen waren natürlich absehbar, die Schauspieler:innen (und wenn nicht die, ihre Agenturen) hatten dies genauso einkalkuliert. Sie sind medienaffin, auf Social Media versiert. Die Strategie: Einfach mal ausprobieren, gucken, was passiert – und zur Not zurückziehen. Das Ganze kommt nicht so richtig gut an? Dann war halt alles nicht so gemeint. So wird massenhaft Content ohne Überzeugung und Strategie in die Welt hinaus geföhnt. Dabei zieht der Rauch in einer zur Hysterie neigenden medialen Welt ohnehin so schnell weiter, dass nur die größten Hater übermorgen überhaupt noch wissen, wer im Einzelnen #allesdichtmachen wollte. Überflüssig also, dieser Rückzieher. So steckt hinter der Aktion weder eine Botschaft noch eine irgendwie geartete Haltung. Die Rückzieher machen die Aktion noch überflüssiger als sie ohnehin schon war. Und die Aufregung darüber auch.

Über den Autor

Dirk Benninghoff ist nicht nur Chefredakteur bei fischerAppelt, sondern auch Podcast-Monster . Nach 20 Jahren im Mediengeschäft (u. a. BILD, Financial Times Deutschland und stern) entschloss er sich 2016, die Seiten zu wechseln. Unser @neuigkeitenchef  hat das nie bereut.