Ein Jahr Amerika

10.09.2019

Was Bernhard Fischer-Appelt in Harvard (über sich selbst) gelernt hat

Dieser Artikel wurde von Conrad Breyer verfasst und erschien zuerst bei W&V.

Früher oder später wären sie ohnehin in die Staaten, sagt Bernhard Fischer-Appelt. „Die Frage war nur: Wann?“ Da Sohn Fritz gerade beschlossen hatte, ein Jahr auf eine kanadische Highschool zu gehen – Fritz’ Bruder Anton studiert bereits in Amsterdam –, lag der Gedanke nahe: „Wir wollen auch ins Ausland. Und zwar gleich.“ Den Vater bewegte die Leichtigkeit, mit der sein Sprössling aus erster Ehe die Sache angegangen hatte.

Und so kam es, dass sich die ganze Familie einen Traum erfüllte: ein Jahr leben und arbeiten in den USA. Im Juli 2018 flogen Fischer-Appelt, seine Frau Zdenka Vesely, ihre Kinder Henry und Tony nach drüben. Jetzt sind die zwölf Monate vorbei, und um es gleich vorwegzunehmen: Es hat allen Beteiligten so gut gefallen, dass sie bleiben wollen.

Bernhard Fischer-Appelt ist ein Intellektueller, einer, der sich selbst als Praktiker sieht, aber eigentlich ein Denker ist. Ein extrem kluger Kopf, wie ihm Weggefährten bescheinigen, der die Welt um sich herum begreifen will. Und der mit seinen Visionen für seinesgleichen mitunter anstrengend sein kann, weil er gern alles infrage stellt. Von den Werkstuben des Agenturalltags hält er sich dafür lieber fern.

Ein Leben im amerikanischen Vorstadtidyll

Er liest viel, bildet sich fort, sucht das Gespräch mit Menschen, die ihn inspirieren, und zieht seine Schlüsse daraus. Wie sonst hätten er und sein Bruder Andreas Fischer-Appelt – der eher leutselig und anpackend ist – die Agenturgruppe seit 1986 zu der gemacht, die sie heute ist? Das alles ganz hanseatisch im Stillen. Dafür braucht es Wissen und die Bereitschaft, sich auf Neues ein- und Bewährtes loszulassen. „Darin übe ich mich seit über 30 Jahren“, sagt Bernhard Fischer-Appelt.

Die Auszeit an der Harvard University in Boston war in dem Sinn also keine Zäsur, sondern einfach nur konsequent. Er braucht diesen Blick von außen. Den Zusammenschluss mit Philipp und Keuntje hatte der Agenturchef noch angestoßen, dann hat das Management übernommen. „Wir haben da richtig gute Leute, auf die man sich verlassen kann.“ Und Familie Fischer-Appelt packte die Koffer.

Bernhard Fischer-Appelt hat in aller Welt Freunde, und so hat ihm Bodo Liesenfeld, „Hamburg Ambassador“ in Boston, geholfen, in Harvard einen Platz zu bekommen. Der Unternehmer vertritt an der Ostküste die Interessen der deutschen Hansestadt. Das Weatherhead Center for International Studies in Harvard bot dem Agenturmann ein Fellowship an, und der ergrif die Chance. Sein Forschungsprojekt: Softwareentwicklungsmethoden und ihr Einfluss auf Gesellschaft und Politik.

Bald begann ein neues Leben. In Weston, einem Vorort von Boston, bezogen Vater, Mutter, Sohn und Tochter ein Einfamilienhaus. „Ein amerikanisches Idyll“, wie es FischerAppelt beschreibt, im Grünen und ganz anders als in Hamburg, wo sie mittendrin wohnen. Wenn der Schulbus den Zehnjährigen abgeholt hatte, brachte Fischer-Appelts Frau die Tochter in die Kita. Der Papa stand da längst im Stau auf der Massachusetts Avenue Richtung Campus.

Das Weatherhead Center in Harvard hat Bernhard Fischer-Appelt ein Fellowship angeboten.

Ein Drittel Forschung, ein Drittel Uni, ein Drittel Agentur

Am Institut haben sie Fischer-Appelt einen wackligen Schreibtisch freigeräumt, an dem er arbeiten kann. Geld dafür gibt’s nicht, dafür stellt Harvard die Ressourcen. Ein Drittel seiner Zeit verbringt Fischer-Appelt mit Lesen, Interviews und Schreiben, ein weiteres Drittel widmet er Vorlesungen, nebenbei kümmert er sich um seine Agentur. Die versucht sich derzeit an ihrer Internationalisierung; erste Dependancen bestehen in Doha und New York. „Ich bin der Meinung, dass man das Thema nicht nur von Deutschland aus vorantreiben kann“, sagt Fischer-Appelt. „Man muss vor Ort sein.“

Was er gelernt hat? Das wird Bernhard Fischer-Appelt 2020 in zwei Büchern veröffentlichen. Zum einen hat er sich mit „Digitalen Zukünften“ beschäftigt und der Frage, wer die Visionen von der digitalen Welt – das autonome Fahren, das Ende der Medien, die Mär von den Pflegerobotern – eigentlich formuliert und welche (wirtschaftlichen) Interessen dahinterstehen. „Es ist gut zu verstehen, woher das kommt, um einschätzen zu können, was tatsächlich passiert und wie man es selbst steuern kann“, sagt er.

Fischer-Appelt will zum Thema „TechEthics“ auch ein internationales Beratungsangebot in der Agentur etablieren, angefangen in Boston, „der Schnittstelle zur Wissenschaft“, und in Berlin. Dafür könnte Fischer-Appelt mit seinen Kunden Modelle entwickeln. Denn grundsätzlich hätten die oft nur wenig Ahnung davon, wie man für die öfentliche Rolle, die sie zuweilen einnehmen, Akzeptanz schaft und Verbraucher einbindet. Zum anderen hat Fischer-Appelt Erkenntnisse zum Innovationsmanagement gesammelt. Seine These: Innovationen entstehen vor allem in autonomen Teams, die, mit bestimmten Ressourcen ausgestattet, hierarchiefrei arbeiten können. Immer wieder aber korrumpieren sie sich selbst.

Die Zukunft? Top 5 im Kreativranking

Das Jahr hat ihm viel gebracht – fachlich und auch persönlich. „Ich kann jetzt im Vergleich wieder besser schätzen, was wir in Deutschland haben: Bei uns funktioniert vieles sehr, sehr gut.“ An Amerika bewundert er den Zukunftsoptimismus. „Die strenge Selbstkritik der Deutschen kann nerven.“

Warum er trotzdem in den USA bleibt? „Meine Familie will das, und ich möchte mein Forschungsprojekt abschließen.“ Aber er wird ab Ende August deutlich mehr zwischen Boston und Hamburg pendeln. Nicht zuletzt, um aus der Nähe zu beobachten, wie sich fischerAppelt und Philipp und Keuntje gemeinsam entwickeln. Sie gehören jetzt zu den Großen mit einem Gross Income von knapp 60 Millionen Euro bei fischerAppelt und 20 Millionen Euro für Philipp und Keuntje. Das Ziel: Top 4 im Umsatzranking. Auch kreativ haben sie Ambitionen: Mittelfristig Top 5, sagt Fischer-Appelt. Ganz loslassen kann er dann doch nicht. „Ich hab’s schon vermisst.“




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